Weshalb GameStop nicht zu retten sein wird

GameStop. Momentan in aller Munde, aber als Spielball sich widerstreitender sozial- und wirtschaftspolitischer Interessen – nicht wegen ihrer Spiele. Ein unrühmliches Ende.

Für GameStop, aber auch Videospiele an sich, denn über das Ende der Kette – welche sich zuletzt (wie andere kleine) mit Merchandise(-Kooperationen vergeblich) über Wasser halten wollte – führt vermutlich kein Weg vorbei. Und Schuld daran ist, wie so oft, niemand mehr als das Publikum selbst, dem es – was niemand hören will – einfach (viel) zu gut geht. Ideell wie finanziell.

So sehr sich GameStop auch bemüht haben mag: wer Spiele pünktlich zum Release wollte konnte sie dort relativ günstig im Tauschhandel auch bekommen – selbst auf die Gefahr hin aufgrund schneller Rabattierungen kurze Zeit später ein Verlustgeschäft zu erleiden.

Doch die Menschen sind zu bequem und erwerben sie lieber „digital“ – ohne einen physischen Gegenwert dafür zu erhalten. Zunächst häufig zweifellos massivst überteuert, da auf den Konsolen (mit Ausnahme der Marktplätze mit Fremdwährung) keine Konkurrenz und damit keine Alternativen existieren. Mit Wertkarten vor Ort kein nennenswerter Profit erzielt werden kann.

Hier in der Steiermark konnte nach und nach beobachtet werden wie Filialen schlossen. Die Covid-Lockdowns dürften zwar ebenfalls ihren Beitrag „geleistet“ haben, die meisten Gründe aber unabhängig davon in der Struktur des Vertriebs liegen. Die Kompetenz der MitarbeiterInnen war dabei höchst unterschiedlich und die Filialen mit dem inkompetentesten Personal schlossen zuerst.

Ich kann über die Kette als solche jedenfalls nichts Negatives sagen und halte ihren schlechten Ruf im Allgemeinen für nicht gerechtfertigt: ich war froh dass es wenigstens diese Option immer gab. Der letzte Titel den ich dort zwischen dem ersten und zweiten Lockdown kaufte war im letzten Herbst „Watch Dogs – Legion“. Meist handelte es sich um gehypte Titel die mich zwar brennend interessiert hatten, von denen ich persönlich im Vorfeld aber nur äußerst wenig hielt (wie etwa ebenfalls „Red Dead Redemption II“).

Meine gebrauchten Spiele kaufe ich dennoch woanders im Versandhandel, da die Auswahl in den Filialen einfach immer schlechter wurde – um mein Guthaben wieder los zu werden stieg ich zuletzt sogar auf Kleidung um. Seltene Videospiele waren dort kaum mehr zu sehen – was gut und teuer war verkaufte dort niemand mehr.

Doch der Industrie kann formal jedenfalls keine Schuld daran gegeben werden den Einzelhandel unterbunden zu haben: in einer der ganz wenigen positiven Auswirkungen von (auch) Social Media, als nämlich Microsoft Xbox One-Discs an Konten binden wollte, hat ein Aufschrei dies erfolgreich noch vor Konsolenstart 2013 verhindert. Zwischendurch probierte sich GameStop so sogar als Publisher von „Indie“-Spielen auf Disc (zum Beispiel mit „Song of the Deep“), noch bevor Limited Run & Co. damit ihre Nische fanden. Doch die Branche beschäftigt seitdem ohnedies ganz anderes:

Ende letzten Jahres sah es mit „The Falconeer“ zwar noch etwas besser aus, aber während bei Sony nun selbst Midrange-Titel wie „The Pathless“ für die PS5 auf Disc umgehend verfügbar gemacht werden, denkt Microsoft in Hinblick auf aktuell „The Medium“ scheinbar nicht einmal daran. „The Falconeer“ blieb wohl eine Ausnahme.

Die Schuld daran trägt zweifellos das Abonnement, also der Game Pass. Microsoft scheint mit Einzelverkäufen ab einem gewissen Bindungsgrad an die Plattform nicht einmal mehr zu rechnen.

Keine „Verschwörungstheorie“, sondern zumindest teilweise empirisch bezeugbare Erfahrung: die mangelhafte Verfügbarkeit von First-Party Titel für die Xbox auf Discs, das heißt die geringen Chargen selbst von Spielen die auf Disc erschienen sind. Darüber hinaus: anders als Sony verfügt Microsoft zum Beispiel nicht einmal über ein eigenes Budget-Label – ein Schelm wer angesichts des Abos Böses dabei denkt.

Solange die somit gebundenen Firmen nicht von Microsoft übernommen wurden kann sich trotzdem niemand sicher sein ob der Game Pass-Zugang zum Produkt nicht alsbald wieder endet, da gleichzeitig die Lizenzen weiterhin keineswegs publik gemacht werden – meist nur zum Gegenstand mehr oder weniger wilder Spekulation informeller Kreise werden, die Öffentlichkeit als solche aber weitgehend im Unklaren darüber gelassen bleibt wie lange die eine oder andere Integration/Exklusivität (noch) gelten mag. Mit Netflix als besonderes schlimmem Beispiel, da dort nicht einmal die Option zum eigenen Lizenzerwerb besteht – eine gewisse Tendenz komplett hin zur Eigenproduktion besteht (also so wie bei den singulären Streaming-Unternehmungen à la Disney+ etc.).

Hinzu kommt die kulturelle Gesamtsituation in der letzten Endes nicht mehr das zahlende Publikum über Zeitgeist und Geschmack bestimmt, sondern diejenigen Personen welche eine Plattform kuratieren darüber bestimmen was produziert oder eingekauft wird – so Unterstützung findet. Also jene die das Denken ureigentlich „betreuen“, wie die Rechten sagen – abwertend und zutreffend zugleich.

Im Grunde genommen handelt es sich dabei um eine einzige riesengroße Illusion: wer nicht bereit ist für Produkte einzeln zu zahlen, bekommt ein bestimmtes Programm vorgesetzt. Also gewissermaßen so wie im Radio oder beim linearen Fernsehen. Da hilft nur ausschalten: umschalten liefert nur ein neues Programm und die Manipulation geht fröhlich weiter, oder beginnt wieder vor vorn.

Das Rundfunkprinzip kehrt darüber gewissermaßen zurück: wer Gebühren zahlt bekommt etwas vorgesetzt bei dem die Auswahl bereits vorsortiert wurde, mehr noch die zur Verfügung stehenden Sorten nicht einmal mehr produziert werden würden wenn das Auswahlverfahren für sie ursprünglich negativ ausgefallen wäre.

Medienhistorisch eigentlich unerhört: Radio- und Fernsehanstalten bestimmten so zwar immer über ihr Programm, aber dieses war nicht immer selbst produziert. Das Kinosterben und die Digitalisierung könnten jedoch genau das für den Streaming- und Abonnement-Sektor ändern: eine (weitere) überaus negative Gefahr für den Pluralismus.

Mit welcher Chance? Vorsichtig schwer zu sagen.

Netflix tut wohl nicht immer das was sie sonst so machen (das Publikum vermeintlich haben will) und gibt auch mal viel Geld für Sachen aus die niemand brauchen kann. Mehr Geld als solche Produktionen sonst je zusammenkratzen könnten: vorerst meist in Ländern, in denen sie erst entsprechende Strukturen aufbauen wollen – wie etwa Japan. Und das hoffentlich noch (etwas) länger: „Ju-On: Origins“ fällt mir dahingehend ein, eine Serie die ganz anders ist als die Filme (und erst Recht die Hollywood-Varianten davon) und in welcher der „Horror“ in erster Linie aus den sozialen Beziehungen voll sexualisierter Gewalt erwächst – keinen Geistern.

Auch der so gut wie gar nicht beachtete Anime „kemurikusa“ auf Amazon hier zu nennen, der zwar deutlich im Fahrwasser von „Made in Abyss“ schwimmt aber dafür eine völlig andere, nicht massenkompatible Ästhetik aufweist.

Ob Microsoft solche Sachen auch einmal zulassen würde? Keine Ahnung.

Eher nicht, da Videospiele bei bestimmten Themen selbst von den PlattformeignerInnen immer noch wie Spielzeug behandelt werden und es der Videospielpresse in erster Linie weiterhin um eine angemessene Repräsentation des Mediums geht, das heißt Anerkennung.

Ironischer Weise zeigte haargenau diese Situation im Herbst auch ein Subtext in der ersten Staffel der schwedischen Netflix-Komödie „Liebe und Anarchie“: ein traditioneller Belletristik-Verlag verkaufte dort zunächst die Rechte an eines seiner Bücher einem Streaming-Dienst, der unverkennbar Netflix sein soll, zur „Verfilmung“.

Zwecks Empowerment-Message verkehrte der den Inhalt des Romans komplett um und erklärte das im Zweiten Weltkrieg opportunistische Schweden zum antifaschistischen Bollwerk. Die betagte Autorin sollte daraufhin von der Verlagsleitung vor dem „filmischen“ Machwerk geschützt werden – das in der naiven jungen Generation dafür umso besser ankam – nur damit die Belegschaft kurze Zeit später erfuhr, dass der ganze Verlag vom Konzern geschluckt wurde um sich etwas „Kultur“ auf den Stempel drücken zu können: Satire zweifellos, aber eine effektive, denn der normative Kulturbegriff braucht keinen Konservatismus nicht, sondern kann sich problemlos als „inklusiv“ und „progressiv“ verkaufen ohne dabei wirklich Vielfalt (oder Neuerungen) herstellen zu brauchen.

Der alte Lektor Friedrich (ein äußerst intensiver Reine Brynolfsson als invertierte Version von Ernst-Hugo Järegard) ist zunächst außer sich ob der Geschichtsklitterung, unterwirft sich dem Konzern dann aber doch und zieht sich am Ende dafür über ein drogeninduziertes Wochenende in die innere Emigration des Privatlebens zurück. Bis zur 2. Staffel: Streaming und Ayahuasca im Spätkapitalismus gewonnen. Nachlese

Love & Anarchy | Official Trailer | Netflix – YouTube

Riget: Ernst-Hugo Järegård’s best scene! – YouTube „I guess this is one of the most difficult scenes ever put together. It demanded a lot from everyone involved, not just him. To portray the decency of one of the most indecent characters imaginable.

It’s a lecture in ambivalence which ambiguity is nothing short of striking – even from the mother’s side: I knew practitioners like Dr. Helmer in real-life. They never would have gone into that room.“

Über pyri

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