Kündigungsschreiben: weshalb Buchstaben, und nicht nur Stroh?

Topos: ‚(…) Hiermit kündige ich fristgerecht mein derzeit laufendes Abonnement für die Zeitschrift „PC Games“ des Computec-Verlages, das Sie verwalten.

Die Ausgabe 07/2021 wird die letzte sein, die ich erhalte. Ausschlaggebend für meine Kündigung ist die Kolumne zu „Lust from Beyond“ von David Benke in 06/2021 (86f.).

(…)

Öffentliche Begründung

Es ist eine Sache auf den „Test“, die Rezension einer Produktion, zu verzichten – eine andere stattdessen diesen Meinungsartikel zu lancieren: sollte „Lust from Beyond“ von den deutschen Behörden indiziert werden, das heißt für jugendgefährdend erklärt, ist die „PC Games“ in Hinblick auf einen etwaigen Werbecharakter des Textes mit „nur“ einer negativen Meinung dazu tendenziell aus dem sprichwörtlichen Schneider – anstatt eine „objektivere“ Rezension gebracht zu haben.

Um „Bratwurst-Bajuwaren“, als akzeptabel verbliebenes rassistisches Bild, geht es dabei jedenfalls nicht, das war absolut unnötig und irreführend, sondern eher darum dass der Verlag im Print seine Auflage verliert (so wie einst in vorauseilendem Gehorsam kolportiert die „PC Powerplay“ des Herrn Deppe), oder online Schwierigkeiten mit der KJM, den Landesmedienanstalten, dadurch entstehen. Und nunmehrige Digital-Abonnements würde das theoretisch halt auch treffen: alles journalistische Informationen welche nicht so schwer zu recherchieren und zusammenzutragen wären, stünde nicht eine Mentalität aus „everything is awesome“, „wir sind ja so toll“ oder „gut verdienend“ dazwischen.

Leider weniger Polemik als mir lieb sein kann, sondern vielmehr traurige Erfahrungswerte. Einen solchen Text an die Stelle eines Tests zu setzen ist deshalb – auch abgesehen von seinem Inhalt – aus gleich mehreren Gründen nicht nur manipulativ und intransparent zu nennen: die „Lust“-Spiele dieses polnischen Entwicklungsstudios mögen für prätentiös oder dilettantisch gehalten werden, sogar für steuerungstechnisch unspielbar und inhaltlich peinlich – je nachdem -, „Lust from Beyond“ verfügt dennoch über relativ neue Technik und alle deren Spiele jedenfalls im Vergleich zu anderen Genre-Vertretern im „adult only“-Bereich von Steam über wesentlich höhere Produktionswerte.

Dem wird in der „Meinung“ jedoch keineswegs Rechnung getragen, sondern so getan als handle es sich wie gehabt um „Trash“ (also „Müll“) wie anderen auch – ein Begriff der im Medienbereich eigentlich auf Paul Morrissey zurückgeht und zunächst keine abwertende Fremdbezeichnung, sondern selbst-referenziell auf tendenziell homophobe Verleumdungen von „camp“ (Susan Sontag) Bezug nahm.

Soviel zu meiner „klugen Fäkal“-Mitteilung.

Bleibt was ich zum eigentlichen Inhalt des Kommentars alles zu sagen hätte: noch erschütternder und weniger nachvollziehbar war für mich nämlich die Struktur des Textes, in Form eines einzigen „Peniswitzes“. Als ob es relevant wäre ob die Figur(en) über Penisse verfügen würden, oder nicht.

Dabei überkommt mich „Fremdscham“, aber sicher nicht bei der Rezeption von „Lust from Beyond“. Und genau dieser unsägliche Autor beschwert sich nachher, ob „gut verdienend“ oder nicht, vielleicht noch über eine entsprechende „Kultur“, den misogynen Charakter und die giftige Männlichkeit seiner „Geschlechtsgenossen“ auf der internationalen Weltbühne. Nachdem er vorher die ganze Palette an Klischees und Stereotypen in der Zeitschrift selbst abgespult hat, sie praktisch eigens mit erst erfunden, und seine ganzen kulturellen Kenntnisse, sein gesamtes Kunstverständnis, sich im linearen Privatfernsehen zwischen „2. Bundesliga“ und Telefonsex-Werbung erschöpft – das habe ich schon gerne: „Frauen“ und „Männer“ wie dieser Autor, die ihre soziale Gewalt dazu „nutzen“ anderer Leute Interessen dermaßen mies zu machen, nur weil sie es selbst nicht besser wissen, kennen oder einschätzen können.

Doch dem nicht einmal genug: nicht nur werden die an anderer Stelle so gerne vorgetragenen „Haltungen“ bezüglich Diversität und Inklusion dadurch vollständig torpediert, durch diese Intentionen welche das Spiel offensichtlich der Lächerlichkeit preis geben sollen, sondern sie desavouieren auch „alle“ welche diese Medien nicht so wahrnehmen wie offenbar der Autor (obwohl ich ihm das, wie ich noch ausführen werde, nicht einmal so ganz abnehme).

Was soll überhaupt dieses ständige Festhalten an Körperfunktionen und dementsprechende Befähigungen bei diesen Themen? Nicht nur als Mensch mit Behinderung finde ich das überaus sexistisch und diskriminierend, im Unterschied zu wenigstens besserer „Pornografie“, sondern diese Herangehensweise an das Thema stößt mich ständig vor den Kopf: weshalb sich der Erotik, dem Sexus und der Libido überhaupt auf diese Weise nähern? Immer nur über der Repräsentationsschiene, oder als Leistungssport? Da wäre es doch besser es gleich sein zu lassen, wenn kein anderer Zugang dazu gefunden wird – oder werden möchte, sich Inhalte nicht anders eröffnen können als über diese Körperbilder die nachher wieder auf bigotte Weise heuchlerisch einer Gelegenheitskritik unterzogen werden.

Ja, ich bin nämlich davon überzeugt dass es ursächlich keine „dummen“ Menschen gibt und alle Chancen hätten neue Wege aus dieser sexuellen Unmündigkeit für sich und andere zu finden. Durch Aufklärung!

Nein, Humor und Sexualität braucht sich nicht ausschließen – wie andere, von Konzernen wie Sony mittlerweile „verbotene“ Franchises (etwa „Senran Kagura“) jahrelang bewiesen haben.

Doch diese Zugänge allein finde ich nicht nur unpassend, sondern völlig unangemessen, „unreif“, „pubertär“ und wiederum zum Fremdschämen: was sollte dadurch auch erreicht werden können? Außer eine beleidigte Sandkastenstimmung.

Ständig vibriert der Subtext durch Vorstellungen solcher Spiele als „Ersatzhandlungen“ für ein verhindertes „Ausleben“ von Sexualität – in Hinblick auf „männliche“ Autosexualität ist es da wirklich nicht mehr weit zur Warnung vor Rückenmarkschwund bei Masturbation. So verklemmt wird mit dem allem umgegangen.

Und durch solche Beschimpfungen und Reduktionen anderer Leute Ausdruck auf „biologische“ Vorkommnisse tut der Autor Herr Benke schließlich vor allem nichts anderes als seine eigenen Schwierigkeiten mit Sexualität jenseits der Norm und „guter Bürgerlichkeit“ vortragen, Täter-Opfer-Umkehr betreiben (ob „Familienvater“ oder nicht).

Das ist auch nichts anderes als Gewaltdarstellungen in jedem x-beliebigen Actionspiel auf das „Umbringen“, Mord und Totschlag zu reduzieren – so wie es Jahrzehnte lang in deutschen Breitenmedien gängig gewesen ist. Zumal die sexualisierte Gewalt im Spiel dieser Meinungsartikel auffällig nicht einmal anspricht.

Das alles mag ja in den Kreisen der Redakteurinnen und Redakteure „witzig“, beliebt und opportun erscheinen, für Fremde wie mich die Videospiele wie „Lust from Beyond“ ganz anders rezipieren ist und bleibt es eine traumatische Erfahrung solche Texte auch nur zu lesen. Es ist nicht öffentlichkeitstauglich und es hat seinen Grund weshalb Menschen wie ich „toxische“ Plattformen wie Twitter deshalb grundsätzlich meiden.

Diese Texte, nicht das Spiel, sehe ich als sozialethisch desorientierend an, denn deren AutorInnen sind es auf Personen wie mich offensichtlich bereits: sozialethisch desorientiert. Aber vermutlich bin ja nur ich Schuld an der ganzen Misere die ich so wahrnehme, verfüge ich über zu wenig „Empathie“, soziales Einfühlungsvermögen und wäre ich „der pathologische Fall“.

Der Tiefpunkt dabei die „humorvolle Empfehlung“ sich stattdessen eine Sendung des deutschen Sportfernsehens anzusehen: als ob die im Spiel gewählte Ästhetik für sexualisierten Gothic Horror tatsächlich so beliebig und aus der Luft gegriffen, durch jede andere „Pornografie“ austauschbar wäre. Vom meist sexuell aufgeladenen Vampirthema angefangen. Nein, eine solche „Empfehlung“ ist nicht nur als mangelhaftes Kulturverständnis zurückzuweisen, sondern richtet sich ganz einfach von selbst.

Und auch abgesehen von diesen „Werten“ des Textes bleibt es für mich komplett unerklärlich weshalb die Chance nicht genutzt wurde sich dem Spiel wenigstens ansatzweise inhaltlich kritisch sachlich zu nähern, etwa dahingehend dass Lovecraft selbst ein biederer Reaktionär war welcher schon an der Kommunikation einer eigenen Sexualität keinerlei Interesse zu haben schien – geschweige denn pansexuelle Ideen vertreten zu haben. Wie andere offensive Herangehensweisen (Exploitation) kann das Spiel dahingehend jedoch auch als durchaus ambivalent und von Ambiguität getragen begriffen werden, so etwa wie bei Klöstern als Schauplätze sexueller Orgien und der katholischen Sexualmoral in den 1970er Jahren.

Was heute von Neuem schon wieder völlig unangemessen wäre, im Unterschied zu den „Bratwurst-Bajuwaren“.

Und die ehrliche „Meinung“ des Autors sei ihm zwar unbenommen, so zu tun als hätte die Entfernung des Titels für Deutsche keinen ernsthaften Hintergrund, so wie bei den vermutlich tausend anderen „Müllspielen“, bleibt aus meiner Sicht jedoch schlicht verantwortungslos zu nennen: es ist keine „Verschwörungstheorie“ zu vermuten, dass die (mutmaßliche) Beurteilung durch die deutschen Behörden dabei eine wesentliche Rolle gespielt hat, das heißt im „Meinungsfindungsprozess“ und weshalb er angeblich „von der Chefetage dazu verdonnert“ wurde sich diesem Titel auf jene Weise zu widmen.

Oder sei es in jenen Formen wie andere Werke beurteilt werden: so etwa auch, wenn in der Videospielpresse durch die Bank bürgerlicher Sozialkitsch wie „It Takes Two“ in den höchsten Tönen gelobt wird – als ob es für Scheidungskinder so einfach wäre ihre Eltern beisammen zu halten -, aber innovative Plattformspiele wie „Balan Wonderworld“ in Grund und Boden „kritisiert“ werden, weil sie unzeitgemäß sind und zum gerade vorherrschenden „Geist“ samt Moden nichts beitragen: wie Sie lesen können verfüge ich über eine eigene „Meinung“ und könnte andere, in diesen von Ihnen verwalteten Zeitschriften begeistert aufgenommene Werke in ähnlichen Tönen verhöhnen.

Es bleibt ein aus meiner Sicht eklatanter Missbrauch der Pressefreiheit, in meinungsbildenden Medien ständig immer nur dieselben „Meinungen“ und Gemeinplätze lesen zu können – aus welchen Gründen auch immer: sei es aus Gruppenzwang, „kognitiver Dissonanz“, um der eigenen Karriere im Medienbereich nicht zu schaden, oder aus Gründen anderer Vorgaben.

Aufgabe einer freien Presse wäre es eigentlich das Obrigkeitsdenken, Werte und Normen zu befragen und gesellschaftliche Rahmenbedingungen zu belasten, dahingehend dass etwa bestimmte Videospiele in Deutschland immer noch nicht so einfach erscheinen – nicht zu überprüfen, wie etwas im Overton-Fenster gesehen werden sollte und diesbezüglich lediglich gewisse Formen der „Verlautbarung“ zu treffen. Diese Form der Berichterstattung kennzeichnet in erster Linie die Presse in autoritären Staaten und keine Demokratien, keinen Rechtsstaat, zumal es sich hiermit pikantermaßen um einen ursprünglich Schweizer Verlag handelt: schließlich kann in dieser Hinsicht nichts von Vielfalt, Fortschritt oder Weltoffenheit getragen werden – nicht nur von Neutralität in der Berichterstattung längst keine Rede mehr sein.‘

Über pyri

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