Was ist dran?

Going bonkers. Vor drei Tagen ging ich in den Keller und brachte zwei Bände (in mehr oder weniger guter deutscher Übersetzung) wieder mit in meine Räumlichkeiten: Timothy Good (1987), vor allem wegen der darin enthaltenen Reproduktionen von (Pseudo-)“Dokumenten“, und John E. Mack (1994). Entweder meine Mutter oder ich selbst hatten sie dort, im Keller, irgendwann wie zwei Türme nebeneinander auf einen Stapel mit anderen Werken gelegt – so warteten sie offenbar auf den Tag des „jüngsten Gerichts“, welcher nun gekommen schien: ich fühlte mich tatsächlich wie jemand der einen Regimewechsel miterlebt hatte, nach welchem vormals „verbotene Meinungen“ an Ort und Stelle wieder akzeptabel wurden. Gut, vielleicht nicht wortwörtlich hier und jetzt in Österreich, aber zumindest in der amerikanisierten, globalen Dorfgemeinschaft: in Erinnerung an Ulrich Seidls Film „Im Keller“.

Was war geschehen?

Nun, abgesehen von der New York Times ab 2017 (2020, Beitrag ‚„All The Small Things“…‘) erschien Ende April beim „New Yorker“ ein Artikel von Gideon Lewis-Kraus. Mitte dieses Monats dann das „60 Minutes“-Segment mit Navy-PilotInnen und anderen „Beteiligten“, aber woran? So ganz klar ist mir das selbst nach über einer Woche Nachdenkprozess eigentlich noch immer nicht: fest steht einerseits persönlich, dass mir bewusst wurde mich in den letzten zwanzig Jahren mit dem Thema kaum mehr beschäftigt zu haben und in mir zwischenzeitlich der Glaube an die Menschheit als „Krone der Schöpfung“ diametral zur Öffentlichkeit wuchs (das heißt ausdrücklich als Protest zu den zwischenzeitlich zementierten, ökosozialen Bewegungen der Gegenwart zu verstehen – vom allgemeinen Veganismus bis hin zu „Fridays for Future“).

Der letzte, der noch (aus)lacht?

Andererseits die Erkenntnis, dass ein Kreis von etwa zehn namhaften Personen diesbezüglich seit 2017 die US-amerikanische Öffentlichkeit massiv beeinflusst – bis eben hin zur Ernsthaftigkeit dieser Geschichten, vorgetragen wie bei „The New Yorker“ oder halt durch die (relativ angesehene) CBS-TV-Sendung „60 Minutes“ -, denn der Widerspruch den es diesbezüglich aufzulösen gilt hat damit zu tun, rein politisch betrachtet, dass der mit diesem Themenkomplex stets einher gegangene Vorwurf der „Verschwörungstheorie“ in den letzten Jahren ungeachtet seines Inhalts bereits ein Vorwurf mit dem Potential wurde ein Gegenüber zu diskreditieren, weshalb die „Erzählweise“ so auch ganz anders funktioniert:

diese circa zehn handelnden Akteure, mit zugegebenermaßen unterschiedlichem Hintergrund jenseits des jedenfalls üblichen UFO-Narrensaums, manipulieren die Öffentlichkeit mit Informationen und erwarten von der „Verschwörung“ höchstens, dass sie im Sinne einer Dienstleistung ihrerseits darauf reagiert. Und zuletzt ist das auch jedesmal, in sogar immer kürzer werdenden Abständen, passiert. So hat das Pentagon etwa die Authentizität von ursprünglich teilweise durch den, wie Good, Ex-Musiker Tom De Longe (ganz unten, abspielbar direkt auf YouTube) lancierter Videos (als Basis der NYT-Berichterstattung) nur bestätigt, aber nicht selbst etwas zu deren oder weiteren Veröffentlichungen beigetragen. Und neue Erkenntnisse konnten dadurch überhaupt keine gewonnen werden: wer die Situation mit etwas Distanz betrachtet wird bald feststellen, dass es immer dieselben Leute sind welche als „talking heads“ diesbezüglich „informieren“.

UFO-„Awareness“

Ihre Karrieren lassen sich in positiver wie negativer Hinsicht damit verbinden, sie verfolgen somit alle eine bestimmte Agenda – und ginge es auch nur darum die Öffentlichkeit über das Thema zu unterrichten, sie (die Leute vor den Bildschirmen) damit „aufzuklären“: handfeste und widerspruchsfreie Informationen sind diesbezüglich jedoch (nach wie vor) absolute Mangelware. Das betrifft auch wie europäische Medien das Thema diesbezüglich bislang aufgenommen haben, nämlich nur (eher ungläubig) referierend und nicht die eigenen Regierungen (damit) belastend.

Kurzum: von der „Zensursula“ zur „UFO-Uschi“ ist es für Frau Von der Leyen noch weit, da braucht sie sich angesichts der Spannungen mit Russland wegen Belarus scheinbar keinerlei Sorgen zu machen. Das Thema interessiert in Europa nicht.

Zum Beispiel beim Standard diese behauptende Podcast-Schlagzeile: „Ufos gibt es wirklich – und die USA sind nervös“. Ein „Phänomen“ ist existent sobald auch nur eine einzige Person daran glaubt, das kann mit intersubjektiver Realität Marke „es gibt xyz“ überhaupt nichts zu tun haben. So wenig wissenschaftlich gemeint diese Form des Journalismus auch sein mag. Und sogar Fiktionen sind existent – eindeutig: es geht gar nicht darum Realitäten zu erzeugen, sondern Fantasien zu beflügeln.

Ersatzreligion

Ein gemeinsames Bild: in einer zunehmend nicht nur säkularen, sondern atheistisch geprägten Gesellschaft wird es immer schwieriger zwischen Vorwürfen des Sexismus, der Transphobie und des Rassismus einen gemeinsamen Nenner zu finden, geschweige denn gedanklich beweglich für ein wirklich unterschiedliches Publikum aufzubereiten, diesem näher zu bringen… Von der Nation bis zum Geschlecht sind, wenigstens dort „drüben“, alle Anker unsicher geworden – von der kolonialen Vergangenheit bis zum „Sturm“ aufs Kapitol am 6. Jänner dieses Jahres.

Seit den ersten „Sichtungen“ durch Kenneth Arnold 1947 „gibt es“ jedoch eben dieses eine verbindende Element das parallel zum durchschlagenden Erfolg der Moderne (und später Postmoderne) die Menschen begleitete. Politisch passt es insofern zu der amerikanischen Ideologie des Libertarismus, zum fundamentalen Misstrauen gegen jegliche Obrigkeit und dem insularischen Gebaren trotz der Weite des Landes genuin Fremdes nicht wirklich zu kennen (geschweige denn schätzen zu wissen) und wenn, dann als Bedrohung (nicht nur im „Kalten Krieg“) wahrzunehmen, dass dieses Interesse (wenn schon nicht dieser „Glaube“) relativ bildungsresistent ist: wer in der letzten Woche sowohl Chris „I can do what I want“ Cuomo, den „kleinen“ Bruder des „unwiderstehlichen“ Gouverneurs von New York, als auch Tucker „irony of ironies“ Carlson mit diesen UFO-Akteuren reden hat gesehen wird einen Gleichklang festgestellt haben, der „links“ wie „rechts“ im politischen Spektrum bei anderen Themen – die theoretisch (!) erst einer Aufklärung bedürfen -, unvorstellbar wäre.

Die eigentliche Ungläubigkeit samt Staunen: das Interesse an „fliegenden Untertassen“, oder halt „schwebenden Tic-Tacs“, das hierzulande keineswegs so gegeben erscheint um von sich aus diese Aufmerksamkeit zu erlangen. An „glaubwürdigen“ ZeugInnen hat es derweil nie gemangelt: vom mixed couple Betty und Barney Hill Anfang der 1960er Jahre, wo allein schon deren soziale Situation spannend war, bis zu Figuren wie Bob Lazar, der vor zwei Jahren noch einmal bei Massenunterhalter Joe Rogan auftrat (15 Millionen Aufrufe allein auf YouTube!), sogar in (verdächtiger) Begleitung einer der heutigen Akteure – des Dokumentarfilmes Jeremy Corbell – und einmal mehr seine nun wirklich komplett verrückte Lebensgeschichte doch irgendwie so zum besten gab, dass sie noch immer nicht vollends von der Hand zu weisen wäre. Dieses Interesse an dem Thema bringt mich jedoch ebenfalls an genau den Punkt weshalb ich mich als Jugendlicher in den Neunzigern davon abwandte.

Der Elefant im Raum-Zeit-Gefüge: „Projekt Mogul“

Wenn die YouTuberin Fran Blanche an dieser Stelle ihren „Fans“ Informationen erklärt über die „wir“ nun verfügen würden, dann ist das in sich leider nicht stimmig: nein, „uns“ wurden bislang nämlich keinerlei Daten geliefert – über bestätigte visuelle Eindrücke hinaus, die bekanntlich keine „Beweise“ sein können. Darüber hinaus widerspricht sie sich, wenn sie über „die fünfte Dimension“ schwadroniert. Zumindest eines der Videos zeichnete sich nämlich dadurch aus, dass ein „Objekt“ über ein Zielsuchgerät erfasst werden konnte – das war in der Tat das konkreteste was bislang zu sehen war. Mehr nicht.

Gestern wurde in dieser Sendung erstmals 43 Sekunden lang ein (schräg abgefilmtes) Radarbild gezeigt. Einmal mehr wurde behauptet, der Grund für die Möglichkeit dieser Veröffentlichung bestünde darin, dass zwar die schriftliche Dokumentation dieses Vorfalls klassifiziert, also geheim, sei, aber kein illustrierendes Bildmaterial wie das oben gezeigte (um es intern überall herumzeigen zu können). Der Umstand, dass ausgerechnet solche Bilder illustrierender Bestandteil einer größeren Dokumentation sein sollen erschließt sich mir jedoch überhaupt nicht – als erster Hinweis für den zweifelhaften Charakter der ganzen Unternehmungen taugt die Aufnahme aber wieder nicht, da wenige Stunden später deren Echtheit vom Pentagon (vordergründig grundlos und wieder ohne weitergehende Erklärung) erneut bestätigt wurde https://twitter.com/GadiNBC/status/1398053422855716866
Diese Zusammenfassung versuchte letztes Jahr etwas Klarheit in die Angelegenheit bezüglich eines Teils der Navy-Vorfälle zu bringen. Wieder auffällig: die Rolle der Navy dabei – im Vergleich zur Air Force bezüglich früherer Geschichten. Die geringe Auflösung und Aussagekraft der (damals bekannten) drei Videos wird darin ebenfalls diskutiert: als strukturiert nüchterner Überblick sehr zu empfehlen.

Die Verortung dieses Objekts im hier und jetzt wäre somit gegeben gewesen, zur Bewegung in der fünften Dimension würde das nicht passen, aber dass gleichzeitig das Objekt auch auf Radarschirmen auftauchte und damit etwa keine optische Täuschung gewesen wäre wurde (zu diesem Zeitpunkt noch) auch nicht eindeutig überliefert. Als historische Ereignisse bleiben sämtliche Informationen dazu bislang jedenfalls höchst nebulös, solange die Behörden nicht bereit sind mehr darüber mitzuteilen – vor allem was die Umstände und Zeitabläufe anbelangt: am meisten Aufsehen dürfte aus der „60 Minutes“-Sendung dabei die Bemerkung gemacht haben, dass es an wenigstens einem Standort täglich zu solchen Ereignissen gekommen wäre – also eine höchst vage Mitteilung mit der, ohne weitergehende Informationen, für sich genommen wieder so gut wie nichts anzufangen ist.

Natürlich treibt die „andere“, weniger bis gar nicht aufgeschlossene Seite „naturwissenschaftlicher“ Zealots die für alles stets eine „einfache Erklärung“ parat haben nicht weniger heftige Blüten: auch die für sich genommen nur wenig aufregenden Videos als Basis der heutigen „Debatte“ teilweise mit Bokeh-Effekten, also Linsen-Artefakten, Dronen, (anderen) Flugzeugen oder Vögeln zu erklären, sprechen nicht für allzu viel Verstandesvermögen im Rahmen eines Skeptizismus, verweisen aber für sich genommen auf ähnliche Ideen, welche das „Phänomen“ seit jeher begleitet haben:

ja, der spätere Fernsehtechniker und Offizier Jesse Marcel mag nur durch Zufall von Shell zur Air Force gekommen sein und dort keine große Karriere erwartet haben, aber dass er Neopren nicht von Metall unterscheiden konnte und einen erst ein halbes Jahrhundert später glorifizierten Ballon dermaßen falsch identifiziert haben könnte halte ich immer noch für völlig ausgeschlossen.

Die NYT wollte 1994 genau wissen wie dieses „Projekt Mogul“ 1947 wahrgenommen wurde (wer über die Times von heute entsetzt ist sollte nicht glauben, dass es früher dort unbedingt besser zuging).

Aus „es war ein Wetterballon“ wurde quasi „es war ein besonderer Ballon“: für mich als Jugendlicher Grund genug mich damit immer weniger zu beschäftigen, wenn 1994 für die bloße Variante einer 1947 erfundenen Geschichte als „Wahrheit“ ein so großer und kostspieliger Aufwand betrieben wurde. Eine ähnliche Entwicklung halte ich 2021 dennoch für ausgeschlossen: der ominöse „Bericht“ welcher da für Juni „erwartet“ wird, dank einer noch von Donald Trump in den Covid-Maßnahmen versteckten Vorgabe, wird eher anders beschwichtigen.

Am wahrscheinlichsten dürfte sein, dass die bestätigten „Phänomene“ für sich genommen historisiert und isoliert betrachtet werden sollen – und nicht so, dass sie weitere internationale Schlagzeilen produzieren: mag sein, dass die Menschen von den Behörden dazu ermutigt werden möchten weiter zu berichten, aber nicht so dass die USA als Nation gelten könnten welche nun kollektiv fliegende Minz-Dragees sieht und gezielt danach sucht, denn allein die Korrespondenz mit der von verschiedenen Seiten nach wie vor kolportierten Geschichts- und „Kulturlosigkeit“ des Landes wäre diesbezüglich zu verlockend.

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