Prager Karlsuniversität lässt Videospiel über Vertreibungen auf Steam veröffentlichen

Rezension: ‚Ein (gegebenenfalls provokanter) Disclaimer vorweg: ich habe diese Rezension ganz bewusst in Form einer Pre-Rezeption verfasst und das Spiel (noch) auch nicht selbst durchgespielt. Aus meiner Sicht ist das nämlich für keine Rezension nötig – es kann sich auch anderweitig mit Medien, selbst „interaktiven“, beschäftigt werden. Ich kenne den Stil und die Herangehensweise der EntwicklerInnen gut genug und meine mich auch zu deren Motiven hinreichend sonst äußern zu können. Wer wissen möchte was man in diesem Spiel „machen muss“, ob „es funktioniert“, „wen man spielt“ oder gar „ob es Spaß macht“, ist hier völlig falsch – dann bitte andere Reviews lesen.

Mir geht es darum die Öffentlichkeit darüber zu informieren weshalb ich es erst rezipieren werde, nicht ob es mir „gut“ oder „schlecht“ gefallen hat. So (und nicht anders) verstehe ich auch den Begriff Rezension im Sinn einer Bestandsaufnahme: alles andere interessiert mich ehrlich gesagt überhaupt nicht und sind nur einzelne Eindrücke oder Meinungen.

Ich weiß dass mein Zugang zu Videospielen (und Medien allgemein) damit ein gänzlich anderer als vielleicht „der übliche“ ist und wer damit eine Schwierigkeit haben sollte kann mich auch gern „down voten“, aber das kümmert mich dann auch herzlich wenig. Die Kommentarfunktion ist deshalb jedoch ebenfalls deaktiviert worden, denn damit extra belästigt werden möchte ich trotz allem auch nicht.

Nur eines: das Spiel ist (noch) nicht auf Deutsch verfügbar, nur in Tschechisch und mit englischen Texten/Untertiteln. Darüber hinaus musste ich diese Rezension für Steam größtenteils kürzen. Die ungekürzte Fassung mit Hypertext befindet sich auf meinem persönlichen Blog – der Link dorthin ist auf meiner Profilseite. Also gut:

Selbst als Verfechter des Mediums seit den 1990er Jahren hätte ich mir so etwas bis vor wenigen Jahren noch tatsächlich nicht träumen lassen: das mit der gleichnamigen tschechischen Universität assoziierte Studio Charles Games aus Prag hat nach „Attentat 1942“ (2017) gestern „Svoboda 1945 – Liberation“ veröffentlicht. Ein Videospiel zu einem Thema das in praktisch jedem Medium überall leider immer noch heikel ist, das heißt erst recht in Form eines schnöden Computerspiels: und ein Projekt das somit wirklich mutig zu nennen wäre – zumal damit keine einseitige Sichtweise verbunden wird.

Der einfache Vorbehalt, der augenscheinlich auch zu ursprünglich eher verhaltenen Reaktionen auf „Attentat 1942“ wenigstens im deutschsprachigen Raum geführt hat, dass hier nämlich vielfach nur so getan wird als ob ZeitzeugInnen vorhanden wären und fiktionale Charaktere im Stile einer Mockumentary auftreten, finde ich billig und kann ich einfach nicht gelten lassen: jede Dokumentation ist auch Kunst. Und diese Kunst zeugt von nichts anderem als Selbstbewusstsein, ein Bewusstsein das (anderen) Betroffenheitsspielen oft deutlich abgeht die ihre „Emotionen“, ihre „Empathie“, vielfach lediglich herbeiheucheln.

Hierzulande wird der Weg in die Kommerzialität und damit Breitenwirksamkeit mit vergleichbaren Entwicklungen, ich denke da nur an die Skandalisierung von „1378 km“ 2010 in Karlsruhe (an dessen Ende damals sogar Peter Sloterdijk unbedarft verwickelt wurde), vielfach gescheut, teilweise verhindern diesen wohl auch entsprechende rechtliche Grundlagen (Stichwort „profitorientierte Universitäten“). Die Neugründung von Charles Games erfolgte letztes Jahr jedoch bewusst genau darum, das heißt um die Kommerzialisierung zu beschleunigen – und beide Ergebnisse ihrer Produktionen sind zugegebenermaßen auch nichts anderes als professionell zu nennen:

Einerseits wird hier anders als in „Through the Darkest of Times“ (2020, zur NS-Herrschaft in Berlin) und „Valiant Hearts“ (Ubisoft, Erster Weltkrieg, 2014) auf fragwürdige typische Videospiel-Mechaniken verzichtet, andererseits nicht so wie in „11-11 Memories Retold“ (wieder 1. Weltkrieg, diesmal von Namco und, na klar, aus 2018) nicht der vermeintlich einfachere Weg in Richtung eines simplen Erkundungsspiels als repräsentativer Erinnerungskultur gewählt. Zudem wirkt die scheinbare Integration von „Minispielen“ nicht aufgesetzt, sondern erinnert eher an die künstlerische Integration eines meiner Lieblingsbeispiele: „Ceremony of Innocence“ (1997), dem vielleicht wichtigsten Computerspiel der 1990er Jahre. In typische Edutainment-Fallen tappt Charles Games somit nicht.

Am ehesten vergleichbar deshalb mit dem zutiefst persönlichen „Brukel“ (2019) das, meist höchst ungelenk, eine eher skurille Kriegsgeschichte erzählt und ebenfalls Oral History mit anderen Spielelementen verbindet.

Wobei die anderen Elemente hier vor allem von einer Comic-Ästhetik dominiert werden, wie sie 2007 im Film „Persepolis“ von Marjane Satrapi und Vincent Paronnaud etabliert worden war (sogar ein „Zeichentrickfilm“ der sich exemplarisch eines ernsten Themas wie dort der Iranischen Revolution annimmt wurde damals streckenweise noch als ungeheuerliches Novum empfunden). Die Comic-Ästhetik dient hier, zusätzlich zu den Video-Interviews, einerseits dem Zweck eine separate Geschichte zu erzählen und damit bestimmte Zusammenhänge erst erklären zu können, andererseits als Verbindungsglied zum eigentlichen Spielgeschehen.

In Tschechien ist eine differenzierte Aufarbeitung der Vorgänge vielfach nicht möglich. Ressentiments gegen Deutsche belasteten etwa den politischen Erfolg von Karel Schwarzenberg (früher gegenüber alten Populisten wie Milos Zeman), während der Populismus mittlerweile im Land sowieso einen regelrechten Boom erlebt hat. Im Sinne von Simon Wiesenthal geht es dabei um „Recht, nicht Rache“: alttestamentarische Implikationen werden sozusagen nicht diskutiert. Ironischer Weise betrifft das die andere Seite in Deutschland und Österreich genauso, nur unter entgegengesetzten Vorzeichen:

In Deutschland wurde das Thema etwa jahrzehntelang von Personen am rechten Rand der Unionsparteien besetzt. Mit Figuren wie Erika Steinbach, die heutzutage aktiv für die AfD wirbt: es dominierte das Bild der Opfer, das heißt Viktimisierungen ohne Vorgeschichte, aber das Bild der Rache wurde hier ebenso ausgeblendet.

Und nicht wenige Rechtsradikale beziehen sich explizit auf etwa ihre schlesische Herkunft: das traumatisierende Bild hungernder Vorfahren, die familiäre Prägung, der Verlust vormaliger Besitz- und Reichtümer, das Jonglieren mit Zahlen als Gegenrechnung zu Shoah und Pojamos – all das gehört da zum Grundwissen und guten Ton im nationalen Salon das mitunter alles (fremdenfeindliche) Denken, Sein und (politisches) Handeln im Hier und Jetzt (noch immer) bestimmt: wer nicht gerade Lydia Nolte aus der Lindenstraße war, die bei Geißendörfer höchst überlegen mit ihrer eigenen Vergangenheit und Flucht aus Riga noch im Krieg umging, vergreift sich da schnell im Ton – bei anderen wie Philo Bennarsch überwog dafür die Nostalgie.

Im neutralen Österreich waren die sogenannten „Benes-Dekrete“, 143 Verordnungen (von der tschechischen Exilregierung in London zum von den Deutschen besetzten Land und aus der unmittelbaren Nachkriegszeit stammend) eher abstrakter Gegenstand von (parteiübergreifenden) Debatten. Teilweise ging es dabei nicht einmal um völkische oder rechtsbürgerliche Allüren, sondern tatsächlich um Umweltpolitik: die Geschichte wurde (nach Zwentendorf) mit Österreichs ablehnender Haltung gegenüber den tschechischen Atomkraftwerken (!) verknüpft.

Zwar integriert das Spiel (auch) enzyklopädisches Wissen in Form eines Lexikons das sich nach und nach mit Einträgen füllt, aber der eigentliche Inhalt blendet die großen Zeitumstände eher konsequent aus: das Wissen darum scheint es alltagshistorisch als politische Abstraktion und nicht in Hinsicht seiner anschaulichen Vermittlung zu begreifen – mit der eigentlichen Absicht Geschichte näher zu bringen, zugänglich zu machen.

Was macht nun also dieses Spiel aus der Geschichte? Als promovierter Zeithistoriker kann ich nur sagen: es geht absolut souverän damit um. Aus tschechischer Sicht dominiert freilich die Frage, inwiefern es sich um (politische) Racheaktionen handeln konnte.

Die beiden Spiele „Attentat 1942“ über die zweifellos erfolgreichste Aktion einer Widerstandsgruppe gegen den NS-Terror, also die Tötung Heydrichs in Prag, und dieser Titel sind dabei durchaus dialektisch zu verstehen: Geschichte hat Folgen, Geschichte wirkt sich aus. Geschichte kann Konsequenzen zeigen und Gerechtigkeit kompliziert sein. Nicht nur Figuren von Weltrang wie Franz Kafka zeigen deutschsprachige Charaktere im historischen Tschechien, das Deutsche ist – ob kulturell in der Sprache oder ethnisch in Form von Volksgruppen – aus dem Tschechischen nicht zu entfernen, und sei es verbunden mit Antisemitismus und im Kontext des in Tschechien grassierenden Antiziganismus.

Und oberflächlich betrachtet sind damit auch nicht die Vertreibungen und Diskriminierungen gegenüber den Deutschen – bis hin zu menschenverachtender Behandlung – das zentrale Thema, also gewissermaßen der „Konflikt“ der auf den Krieg folgte, sondern die Befreiung von der NS-Herrschaft und was diese für die Menschen vor Ort bedeutete. Zugegebenermaßen: dass es sich in der Darstellung nicht (einmal) um „echte“ Ortsansässige handeln wird ist dabei nicht unproblematisch. „Attentat 1942“ hatte als eher „klassisches Dokumentarspiel“ (in theatralischem Sinne) dieses Problem eher nicht, also diese tendenziell doch problematische „Milieuschilderung“.

Das ist die (einzige nennenswerte) Schwäche von „Svoboda 1945 – Liberation“: sein regionaler Charakter und die lokale Begrenzung, die Vermeidung des Blicks auf einen größeren Zusammenhang tschechischer Identität und Geschichte. Mit einiger Begründung hat das „Kingdom Come – Deliverance“ mit dem „Deutschen“ am Anfang dieses großen Mittelalter-Rollenspiels klischeehaft weitaus besser gemacht. Der kleine Ausschnitt eines Böhmens aus einer Zeit als dieses noch nicht einmal richtig „bei Österreich“ war (Peter Alexander) ließ diesen nämlich unverkennbar als Außenseiter in Erscheinung treten, der er wohl war (oder besser „gewesen wäre“). Dieser Mut zum Stereotyp fehlt diesem „Serious Game“, das stattdessen Normalität und Selbstverständlichkeit favorisiert.

Als „realistische“ Bürde politischer Korrektheit. Leider.

Nur mit dem Thema „Vertreibung“ und „Vertriebene“ kann vieles gemeint sein, können viele höchst unterschiedliche Lebenslagen und Leben darunter verstanden werden. Der Fokus darauf greift deshalb wirklich zu kurz: im heutigen Slowenien waren etwa eher die reichen Städte deutsch und die arme slowenische Landbevölkerung wurde unterdrückt. Mit der brutalen Germanisierung dieser in der Nazizeit als zusätzlicher Facette: hier im Sudetenland gestaltet sich die Situation ganz anders. Anderswo, etwa im heutigen Rumänien, ging es wieder um andere Zustände im ruralen Raum wie großen deutschen Grundbesitz und Reichtum aus der Landwirtschaft (eher koloniale Verhältnisse). Das Thema ist nicht auf eine Situation zu begrenzen und Verallgemeinerungen sind zu vermeiden.‘

7. August: aufgrund eines Gefühls anhaltend „toxischer“ Reaktionen auf meine Rezension habe ich mich selbst dazu entschlossen sie wieder von Steam zu nehmen.

Eine Premiere. Ich hoffe es bleibt dabei.

Versuch zweier vorsichtiger Kommentare bei der (nunmehr bislang) einzigen deutschsprachigen Rezension dort: ‚Also im deutschsprachigen Raum waren die Vertriebenen jahrzehntelang eindeutig völlig losgelöst von der „Vorgeschichte“: das ließ sich schon allein anhand der sie repräsentierenden Organisationen und deren Medien ablesen, etwa den Landsmannschaften oder dem Bund der Vertriebenen als Dachverband in Deutschland.
Zumindest der Verdacht eines revisionistischen und revanchistischen Charakters überwog dabei bei weitem.
Hinzu kommt, dass das Thema eher nicht mit anderen Geflüchteten in Verbindung gebracht wurde, sondern hier in Österreich etwa mit der Volksgruppenpolitik bezüglich (traditioneller) ethnischer Minderheiten hierzulande. Die Herkunft der Vertriebenen wurde dabei grundsätzlich eher zum „Eigenen“ gezählt, wenigstens ansatzweise analog zum nachfolgenden deutschen Themenkomplex der „Aussiedler und Spätaussiedler“ – im krassen Unterschied zu anderen Geflüchteten als „Fremde“.

Ich denke nicht, dass das von der Hand zu weisen wäre – ober bestritten werden sollte: das hielte ich für völlig unangemessen. Erst in letzter Zeit wurde das Thema überhaupt mit „Flucht“ zu „Flucht und Vertreibung“ zusammengefasst, oder sogar mit Migration allgemein in einen größeren Gesamtzusammenhang gestellt.
Darüber hinaus denke ich nicht, dass das Thema in diesem Spiel grundsätzlich sehr zentral wäre: die Thematisierung fällt vor allem deshalb auf, weil sie so ungewöhnlich ist. In einem breiteren Sinn geht es wohl eher darum welche menschenverachtenden, antifaschistischen Reaktionen die Okkupation heraufbeschwor, sowie wie (schnell) sich die kommunistische Herrschaft (so) etablieren konnte.
Einseitig ist es aber nicht, das denke ich auf gar keinen Fall.‘

Ich lege ausdrücklich wert darauf diese Rezension mit „nicht hilfreich“ bewertet zu haben.

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