Zu Lars von Triers letzten drei Filmen

Kommentar: ‚Ich fand und finde diese Referenzen, so beeindruckend sie zunächst sein mögen, in zunehmendem Maße fürchterlich billig und penetrant. Sie erinnern mich mittlerweile an die prätentiösen Zwischentitel von Godard (Trier arbeitete in seinen populärsten Filmen ebenfalls mit Zwischentiteln): egal ob bei der Bluttat die Schweiß, das Schisma von 1054 oder die Architektur von Kathedralen. Wenn sich in „Nymphomaniac“ am Ende der Humanist als Vergewaltiger versucht und das weibliche Geschlecht unaufhörlich weiter malträtieren will, dann war das noch – wohlwollend gelesen – eine „kritische“ Pointe. Doch die Höllenfigur hier, welche in erster Linie als Mentor (für die Gestaltung des Jenseits) fungiert, erfüllt diese Funktion klar nicht mehr.
Das ist alles bereits furchtbar larmoyant, selbstgefällig bis wehleidig: Trier wurde vor zehn Jahren in Cannes selbst Opfer moralischer Gewalt, ja, aber dieser Film gibt auch nur vor nicht moralisierend zu sein. So wie es damals absurd war anzunehmen, dass der Regisseur etwas wäre was er eindeutig nicht ist. Wir wissen quasi, dass Charlotte Gainsbourg heute kaum mehr (in keiner Rolle) das N-Wort ungestraft von sich geben könnte (noch dazu in einem sexualisiert missbräuchlichen, „objektifizierenden“ Kontext) wie das 2013/14 noch weitgehend möglich gewesen ist. So stehen alle drei dieser Filme mit ihren Referenzen gewissermaßen politisch auf verlorenem Posten – und es handelt sich aus meiner Sicht eindeutig um Kunst die politisch sein möchte, dementsprechend verstanden werden. Wir leben in einer unglaublich oberflächlichen Zeit in der grundsätzlich nur wenig Widerspruch zugelassen wird: jedes Wort wird darin auf die Waagschale gelegt, jede „Haltung“, Einstellung, alles Interesse. Ich werde mir zwar alle drei (noch) einmal ansehen, aber ich denke sie bieten nichts an das auf diese Situation auch nur ansatzweise Bezug nehmen könnte, sondern sie sind in erster Linie rückwärtsgewandt im wahrsten Sinne des Wortes: ich bin Historiker, aber es bringt einfach nichts die Vergangenheit mit ihren Eigenheiten und Errungenschaften als Maßstäbe für Bezugnahmen zu verwenden. Schon im Historismus führte dieser Umgang mit Tradition(en) nur zu Nostalgie und Verklärung – die Herausforderungen der Gegenwart werden dadurch lediglich bei Seite geschoben.Interessanter finde ich da schon die Wahl einer naturalistischen Ästhetik, wie sie so noch in keinem Lars-von-Trier-Film zu sehen war (selbst in den Dogma- und von Dogma noch inspirierten Arbeiten nicht): damit sah Matt Dillon teilweise schon wie Michael Rooker in „Henry“ (1986) aus, obwohl der Film weder an Genre anknüpft (obwohl Trier nachweislich kein Gegner davon ist) noch an den sozialen Verhältnissen (seiner Welt, die irgendwo spielen kann) natürlich überhaupt nicht interessiert erscheint.‘

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