Zu Venom & Co.

Kommentar: ‚Die Analyse der Ökonomie ist (wie immer eigentlich) bestechend: gut, richtig und wichtig dass das auch in dieser Deutlichkeit einmal so vorgetragen wird. Also Applaus dafür.

ABER: worin unterscheidet sich dieser Sermon nun von der gerade aus Deutschland (Häfker, Kinoreform) stammenden, üblichen Teilung (Dichotomie, wenn nicht Antinomie) zwischen Kunst und Kommerz. Oder soll er gar nicht?

Irgendwann sollte dieser ständige und wohl auch für Sie ermüdende Kampf gegen Muster, Formeln oder Konventionen doch auch ein Ende haben. Oder finden Sie nicht?

Als „Troll“ formuliert, als der ich hier zweifellos (ebenfalls) wahrgenommen werde: wo wird hier „Kino“ wirklich „anders gesehen“ – ohne Ignoranz oder Ressentiment, denn mir persönlich hat ja bereits die Musik von Adorno vollauf gereicht.


Diese Filme werden doch schon seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, von der etablierten Filmkritik und im öffentlich-rechtlichen Rundfunk bei sporadischen Bemerkungen durch die Bank verachtet und verrissen.

Ja, diese Nebenfigur des Spider-Man-Universums kannte ich vor dem Film in erster Linie als (virtuellen) Flipperautomaten und ich weiß noch nicht ob ich mir den zweiten überhaupt antun werde, aber für mich wurde der Film offenkundig auch nicht gemacht. Nur, und jetzt meine „These“: ironischer Weise ebenfalls für keine Massen, das behaupte ich, sondern eine verschwindend kleine Minderheit die sich weder hier noch vor den Kinokassen einfinden kann.

Leute wie Andrea Romano bei DC haben arbeitslose SchauspielerInnen über Jahrzehnte im Tonstudio zu Höchstleistungen stimuliert, zwar alles im Rahmen des (US-amerikanischen) „Jugendschutzes“, aber immerhin. Und ja, ich sehe mir Tom Hardy zwar anderthalb Stunden lieber an, wenn er allein auf der Autobahn in der Nacht von Birmingham* nach London fährt und ich kenne ihn eindeutig zu wenig um beurteilen zu können wie engagiert er in diese (Anti-)Heldenrolle geht (wo es um viel Geld geht), oder in jungen Jahren als Bösewicht im unbeliebtesten „Star Trek“-Film zu Werke ging, aber wenn er auch nur ansatzweise so viel Profi wie Tom Cruise ist und dementsprechenden Respekt vor einer zahlenden Kundschaft hat die nicht unbedingt privilegiert ist, sondern mit eher wenig Geld in der Woche auskommen muss, dann tat er sein Bestes dahingehend was das Material hergab. Und genau darum geht es – um das Material: ob das nun Shakespeare oder Marvel wäre.

Management wie Iger mag die Figuren grundsätzlich auswählen, aber es liegt auch an einer (potentiell streikenden) kreativen Workforce diese in Charaktere zu verwandeln. Mag schon sein, dass da nicht viel rauszuholen ist und es sich am Ende weiterhin immer nur um banale bis triviale Figuren handeln wird. Um simple Abgedroschenheit.

Aber dass das alles so „geschichtslos“ wäre ist einfach nicht wahr. Als Kulturhistoriker muss ich dem vehement widersprechen, auch wenn Sie die Geschichte nicht kennen sollten: die Sony-Workforce wird vielmehr ins Marvel-Archiv gegangen sein um zu sehen was aus der Figur herauszuholen wäre, gerade für Fortsetzungen wird dann erfahrungsgemäß nochmal ordentlich gestöbert und gerade bei DC (Warner) ist das bei sämtlichen Animationsfilmen der letzten zwanzig Jahre sogar für die Öffentlichkeit mittels Featurettes bei den jeweiligen Video-Veröffentlichungen transparent gemacht worden (ganz ohne „Kino“).


Dem allem mag kein Wert beigemessen werden, aber das spricht dann (leider) auch für sich (und keineswegs für Sie Herr Schmitt). Die gedankliche Kunst bestünde deshalb darin gerade in dieser verächtlich gemachten „Marke“, im „Logo“, einen künstlerischen Wert zu entdecken und diesen zu respektieren: sich in der Rolle eines (vermeintlichen) Snobs zu gefallen und darauf zu schimpfen erscheint mir jedenfalls vergleichsweise einfach zu sein, dumpf und stumpf.

Es ist keine zwei Jahrzehnte her, da hätten sich die Anhänger dieser Figur nicht im Traum einfallen lassen dass es einmal eine so große Filmreihe um sie geben würde – aber Sam Raimi und der letztlich doch überraschende Erfolg seines Spider-Man-Films, der erst zur Gründung der Marvel Studios geführt hat, haben dies „nachhaltig“ (und damit das „Kino“ das wir heute – vielleicht leider – kennen) verändert. Meine These: ja, die breite Masse welche heute dafür in die Kinos strömt (vermutlich aus eher sozialen Gründen, wo der „Blockbuster“ welcher sich in der Stille nebenbei angesehen wird eher keine Rolle spielt) mag sich in vier bis fünf Jahren nicht mehr daran erinnern, aber sie werden daran festhalten. Die viel verachteten und gegen „Kritik“ resistenten „Fans“.

Es ist kein kultureller Niedergang, kein Weltuntergang, wenn „Artefakte“, der kulturelle Ausdruck einer Minderheit (so kommerziell er formal jetzt sein mag oder früher gewesen war), dermaßen in den Mainstream strömen. Deshalb sind diese ganzen Superhelden-Filme heutzutage (auch!) als kulturelle Bereicherung zu betrachten, zumal ich der festen Überzeugung bin dass keine Demokratie danach beurteilt werden dürfte was der Demos (die Mehrheit, als „das Volk“) will, sondern wie mit ihren Minderheiten umgegangen wird (so sie denn, wie in dem Fall ja eher, nicht inhuman rüberkommen will), denn eine Minderheit kann nicht nur repräsentativ betrachtet werden, sondern auch ideell: sie definiert sich nicht unbedingt über Identität, Herkunft oder Hautfarben, sondern mitunter bloße Interessen.

Ja, diese Filme können für den großen Rest von „uns“ als Zumutung oder Belästigung empfunden werden, auch als „Verschmutzung“ der Kinolandschaft betrachtet, aber „unsere“ Aufgabe wäre es (ohne Raymond Williams zu sein) gegebenenfalls selbst für diese Minderheit „Empathie“ aufzubringen (und kein Mitleid).‘ * sollte ich einmal irgendwo „Manchester“ geschrieben haben so tut mir das leid, aber den Fehler finde ich nun leider auch nicht mehr.

„tl;dr“ – mir wäre es in dem Fall, aber auch in vielen anderen Fällen, lieber, würde weniger bewusst oder (im schlimmsten Fall) „erwacht“ gesehen werden, sondern mehr (mit entsprechenden Werten) weiterhin geschaut werden können. So macht die „Sichtung“ eines Films nämlich eindeutig keinen „Spaß“ mehr 😛

Der Kommentar wurde Ende Oktober (am Tag der Veröffentlichung des Videos) veröffentlicht (so er denn dort stehen blieb).

Replik (1. November, Allerheiligen): ‚Zusammenfassen brauche ich sie gar nicht, aber die Situation ergab sich einerseits sowohl aus einer kulturellen Notwendigkeit der Aufarbeitung geistigen Erbes heraus, andererseits aus eben einer (billigen, um nicht zu sagen günstigen) Marktlogik: so wie Iger es in seinem Buch beschrieb – für Marvel-Filme braucht im Wesentlichen nichts neu erfunden werden, das ist ein unerschöpflicher Fundus, ein „Schatz“ wenn man so will, für den dort nur ins Archiv gegangen werden braucht. Deshalb „drohen“ tausende Superhelden-Filme, da darf für eine Intellectual Property auch mal jemand (Kreatives) faul sein. Und dafür interessierte sich in den letzten Jahrzehnten eben so gut wie niemand, das Erbe schlummerte, verstaubte.

Zum Beispiel Captain America: in den 1930ern mag das noch anders gewesen sein, da war der (ursprünglich) vielleicht auch ein Massenphänomen – aber in den siebzig Jahren zwischen den ersten Comics und den Filmen krähte um die Comics kein Hahn mehr – außer „Fans“, „Nerds“ oder wie die „Kellerkinder“ auch immer mehr oder weniger verächtlich bezeichnet werden möchten, die das Zeug stets sammelten und horteten.

Die US-Comic-Kultur lebte ja weiter, sie war bis Sam Raimi 2002 nur relativ weit weg vom Mainstream – eben als Minderheitenprogramm, auch wenn der Begriff Minderheit hier nicht akzeptiert (als angemessen empfunden) werden mag.


Ich fragte mich als Jugendlicher in den Neunzigern wieso es keinen Spider-Man-Kinofilm gab, den Fernsehfilm von 1977 kannte ich damals noch gar nicht. Da gab es zunächst nur die „Batman“-Filme von Tim Burton, der sich damit aber eher selbst verwirklicht hatte (als wirklich an den Comics interessiert gewesen zu sein). Und die US-Superhelden haben mich persönlich bis auf Ausnahmen (Watchmen) auch zu keinem Zeitpunkt in meinem Leben sonderlich begeistert, dennoch kam mir das damals seltsam vor (da ich um das große Erbe und die Vielfalt der US-Comics wohl wusste, obwohl mir als glühenden Europäer Valérian und Laureline natürlich tausendmal lieber sind). Deshalb betrachte ich die US-Superhelden-Filme von heute ebenfalls als Vergangenheitsbewältigung, zumal sie für soziale Probleme und Brennpunkte der Gegenwart so wunderbar repräsentativ eingesetzt werden können: zum Beispiel „Into the Spider-Verse“, wer alles Spider-„Man“ sein kann.


Vor „Superman“ (1978) von Richard Donner gab es aber praktisch keinen gelungenen Versuch im großen Hollywood das zu adaptieren, höchstens billigeres Fernsehen („Batman“ in den Swinging Sixties, „Wonder Woman“ mit Lynda Carter als Antwort auf die Gloria-Steinem-Ära ein Jahrzehnt später). Hollywood hat die amerikanischen Superhelden einfach jahrzehntelang vernachlässigt und holt das jetzt erst nach, sie sind aber sicher nicht aus dem aktuellen Zeitgeist heraus entstanden. Das ist wenn, dann einfach ein Irrtum: genauso gut könnte die japanische Filmindustrie gegeißelt werden weil dort soviel von Mangas adaptiert wird, oder dass überhaupt Animes produziert werden. Sicher kann und sollte über die Qualität und Quantität der US-Superhelden-Filme breit diskutiert werden – ich bin damit auch überhaupt nicht zufrieden -, doch bitte nicht so wie Herr Schmitt es hier immer wieder brachial macht – oder es etwa ein Scorsese tat: wieso soll das alles kein „Kino“ sein? Scorsese (oder Coppola) machten Filme über subkulturelle Milieus die „Männer“ hervorbrachten welche Kriminelle wurden, und etwa keine Frauenfiguren die nach einer etwaigen Migrationserfahrung Reinigungskräfte geworden waren. Weil Kriminelle, das Leben und Sterben Krimineller, halt interessanter, „spannender“ sind als Reinigungskräfte (jene Reinigungskräfte des organisierten Verbrechens mal ausgenommen). Genauso sind Superhelden aufregender. Ich behaupte: zu sagen das was ich schrieb sei einfach unverständlich oder wirr („Geschwurbel“ usw.) ist meistens zu einfach und meine vielmehr dagegen, dass mich im Gegenteil einfach nicht verstanden werden möchte, keine Einwände in der Sache gehört werden möchten. Als meine Form der Unterstellung, denn das was ich schreibe ist meiner Meinung nach wirklich nicht so schwer zu verstehen und ich schreibe auch nur deshalb so viel, weil großer Unsinn oder größere Unwahrheit auch eine umfangreichere Antwort erfordern. Und möchte die Logik des Zeitgeists als solche „kritisiert“ werden, würde ich mir eher Tanzfilme vornehmen, die Körperbilder welche diese reproduzieren und weiter transportieren (das frage ich mich gerade als Mensch mit Behinderung). Die sind nämlich wirklich geschichtslos oder immer zeitgeistig gewesen (siehe „Grease“, „Dirty Dancing“ etc.).‘

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