The Divide

Die Situation welche mich im März 2020 (Identität und Videospiele) dazu veranlasst hat mich aus engagierten Debatten in der Öffentlichkeit vollständig zurückzuziehen ist weiterhin präsent. Mit einiger Begründung wurde sie in den letzten Tagen verschärft, als GOG.com die Veröffentlichung zweier Titel/Serien von „Dr PinkCake“ angekündigt hat: dafür gab es sogar deutschsprachiges Marketing, obwohl die Visual Novels in Deutschland selbstredend gesperrt sind.

Und selbstverständlich folgte der Aufschrei noch an Ort und Stelle: 135 Kommentare zählte ich vorhin, während viele andere Meldungen keinen einzigen evozieren.

Warum? Weshalb regt das die Menschen so auf? Erzeugnisse die weder technisch, noch ästhetisch oder inhaltlich bemerkenswert wären – würden sie nicht typischen Mustern folgen welche die US-amerikanische „Pornografie“ der letzten Jahre geprägt hat. Ja, Pornografie. Nicht nur was Valve auf Steam in letzter Zeit so alles zuließ, sondern diese hat im Westen auch einen anderen Namen: Patreon. Patreon lässt sogar gern pönalisierte Inzestfantasien in den Assets zu, wenn diese vorher rausgepatcht wurden und erst über einen externen Token nachträglich reintegriert werden.

GOG.com übernimmt damit im Westen nun quasi die Rolle von DMM.com: Pornografie verschmilzt am PC mit dem Mainstream, genauso wie dereinst (in zensierter Form) in Japan. Die ersten „kritischen“ Stimmen warfen GOG natürlich ein rein kapitalistisches Kalkül vor, die übliche „Spekulation“ mit niederen Instinkten bei diesen Spielen, denn so unbemerkenswert sie wirken mögen – so kommerziell erfolgreich dürften sie dennoch sein.

Während das Verhalten von Patreon mitunter an die USK vor der Jugendschutz-Reform in Deutschland 2003 erinnert, als in den Einstellungen die Korrektur einfacher Parameter ausreichte um Jugendschutz-Maßnahmen wieder rückgängig zu machen.

Ich gehe jedoch weiterhin davon aus, dass es sich bei GOG.com um eine prinzipiell kuratierte Plattform handelt – zumal die Sperren für Deutschland die Situation für den Rest der westlichen Welt, in dem das offene Angebot für Pornografie im Internet erlaubt ist, rechtlich wasserdicht machen. Deshalb stellt sich mir immer wieder „nur“ die Frage weshalb diese Titel angeboten werden, aber eben ein „Super Seducer“ abgelehnt wurde, dessen anzüglicher Humor sich in den einst perfekt akzeptierten Boulevard-Gefilden eines „Benny Hill“ oder „Harald und Eddi“ bewegte. Die akzeptierten Spiele werden deshalb vor allem substantiell genehm sein, indem sie etwa den Typus der „starken Frau“ propagieren, der Humor oder Modellkörper in Situationen zeigt die als relativ unproblematisch gelten und im geneigten Publikum eine hohe Akzeptanz aufweisen. Das Ausmaß an Misogynität, „Verfügbarkeit“, „Gewalt“ oder der Vorwurf einer „Objektifizierung“ von Frauenkörpern, noch keine Grade erreicht mit denen der Pegel in die andere Richtung ausschlägt – also nicht über die traditionelle Ablehnung von Pornografie hinausgeht. Die US-amerikanische Pornografie hat es vorgemacht, indem etwa mit all ihren „Cuckold“-Typisierungen die rassistischen Fantasien eines „Mandingo“ (1975) so fortgeschrieben wurden, dass sie (noch) in die „antirassistische“ Gegenwart passen – so heuchlerisch das alles auch sein mag.

Advent der Sexualität

Darüber hinaus finden sich auf GOG.com keine schnöden Sexsimulatoren wie sie auf Steam längst existent sind, aber das kann sich noch ändern: das Image einer Vielzahl billigst zusammengeschusterter und massenhaft produzierter Sexspielchen hat sich teilweise auch überlebt. Technisch und inhaltlich.

Für die Produktion manch eines „Schmuddelkrams“ können mittlerweile eigene Animationsstudios unterhalten werden (die Einnahmen über Patreon sind fallweise wirklich so hoch), welche lebensechte Bilder unter Umständen bereitstellen. Hinzu kommt, dass neue Technologie wie aus dem MetaHuman Creator von Epic diesen Aufwand teilweise zusätzlich obsolet machen könnte: die Veröffentlichung von „The Matrix Awakens“ auf Konsolen diese Woche hat gezeigt, dass sich die neue Technik gut massenweise reproduzieren lässt. „Unreal Engine 5“-Pornografie ist meines Wissens zwar bislang noch keine angekündigt worden, aber das wird sich vermutlich bald ändern (zumal an der Vermarktung der Engine Epic anscheinend nichts ändern wird). Schließlich sind auch inhaltlich manche Erzählungen in diesem Bereich alles andere als einfach gehalten, weshalb der Mainstream diese ökonomischen und narrativen Entwicklungen längerfristig vielleicht tatsächlich nicht mehr vollständig ignorieren können wird: in keinem anderen Medium dürfte „die Pornografie“ in den letzten Jahren jedenfalls einen so großen Aufschwung erlebt haben.

Auf Konsolen bleibt so etwas natürlich undenkbar, das war mit der bewussten Einführung des CERO-Ratings aber auch in Japan von Anfang an der Fall. Der Unterschied zur japanischen Videospielindustrie ist nur jener, dass der Übergang dort seit Mitte der Neunziger fließend war – hier im Westen aus politischen Gründen (inklusive massiver Auswirkungen auf die japanische Industrie) aber fast keine offensiven Sexualisierungen mehr möglich sind – weshalb im Verhältnis zu diesen (theoretischen) Erzeugnissen ein krasser Bruch in der Wahrnehmung entsteht: ob empört als Eklat zu betrachten oder nicht, die Existenz dieser florierenden Pornos drückt eine „Vielfalt“ aus die (noch rechtlich abgesichert) dem nunmehrigen Selbstverständnis der Videospielindustrie komplett widerspricht.

Zwei Seiten der Globalisierung: vor fünfzehn Jahren begannen japanische Studios damit Produktionen die aus unzweifelhaften Gründen vorher ausgespart wurden auch in den Westen zu bringen, doch die Zehnerjahre erhöhten daraufhin den Druck auf (moralische) Regulierungen – vom Mainstream ausgehend bis hinein in den pornografischen Bereich Japans selbst. Das einstige pornografische Powerhouse Illusion gab etwa einerseits die Entwicklung narrativer Inhalte beinahe vollständig auf, andererseits wurden noch vorhandene Produkte (die eher den Charakter von Modellbaukästen aufweisen) in den letzten Jahren erstmals ganz offiziell „digital“ in den Westen exportiert.

The Purge

Als in der Nacht von Donnerstag auf Freitag wieder die Game Awards von Geoff Keighley verliehen wurden, stand die Sendung einmal mehr im Zeichen von Inklusion und „Nachhaltigkeit“: das Bewusstsein für Teilhabe, Diversität oder Barrierefreiheit wurde teilweise unter einem Eindruck vermittelt und verhandelt welcher mit der Branche nicht das Geringste zu tun hätte, würde er (als eigenes Produkt?) nicht so demonstrativ platziert werden. Einerseits gefällt sich die Videospielindustrie welche Keighley (nunmehr bis hin zur Gamescom im Spätsommer) damit gekapert hat darin – andererseits würden Einzelpersonen wie Ashly Burch oder Neil Druckmann ihre Teilnahme zweifellos absagen, würde dies nicht (auch) stattfinden. „Gleichberechtigt“ ist dort was wenigstens nicht allzu sexualisiert rüberkommt: neudeutsch enabelt werden nämlich „alle“ welche dem zumindest nicht widersprechen.

Grundsätzlich handelt es sich um Veranstaltungen in denen zwischen Werbung für einzelne Produkte und der Botschaft an die „Gesellschaft“ kaum mehr unterschieden werden kann (und die nunmehr, unter Geimpften und Getesteten, auch wieder live vor großem Publikum stattfinden können): die Gesellschaft der Gesellschaft der Berechtigten sozusagen, um Niklas Luhmann zu entführen.

Beispielhaft dafür kann der grotesk-perfide Umgang mit dem Mega-„Sexismus“-Skandal bei Activision-Blizzard gelten. Es ging dabei überhaupt nicht darum wer wie in die (überaus) glückliche Lage kam für den ominösen Konzern arbeiten zu dürfen – nein: die Gesellschaft soll sich gefälligst mit jenen solidarisieren, die ohnehin bereits privilegiert wurden. So schlimm sieht dieses Verständnis für Demokratie, Diskriminierung und „Empathie“ leider aus – eine geschlossene Gesellschaft (auf Twitter oder sonst wo) die „Opfer“ und „Täter“ unter sich ausmacht. Bigott und verabscheuungswürdig.

Ironischerweise hatte zuletzt gerade das Team das im Zentrum dieses „Skandals“ stand ihr Produkt „World of Warcraft“ systematisch desexualisiert und von sämtlichen Referenzen sowie Ästhetiken zu „befreien“ versucht, die aus heutiger, vermeintlich „besserer“ Sicht nicht mehr akzeptabel wären.

Zynisch kann sich da schon gefragt werden, weshalb es gar noch diesen Disclaimer vor der Sendung gebraucht hat (Timestamp), denn Inhalte im „folgenden Programm“ die manche „beleidigend“ finden werden, kann es auf diese Weise praktisch keine mehr gegeben haben (wenn alle penibel darauf geachtet haben und alles genauestens darauf abgestimmt wurde). Wettbewerbsmäßige Gewaltdarstellungen ohnedies scheinbar kein Problem mehr sein können, schwierige Sexualisierungen mitunter unüberwindbare Hindernisse für eine Integration in die Sendung darstellen und jedwede ethnische oder identitätspolitische Zuschreibung repräsentationstechnisch korrekt zu sein hat (ansonsten umgehend und umfassend auszugrenzen wäre / Nachtrag: auszusortieren).

Auf österreichische Verhältnisse angewendet, zugegebenermaßen ein Steckenpferd von mir: da braucht es keinen neuen Innenminister nicht, der vor demonstrierenden „Rechtsradikalen“ auf den Straßen warnt und vorher jahrelang ein Museum schützte, das Dollfuß verherrlicht hatte. Dieselben „Werte“ vertretet welche Grenzen schließen und keinen Schutz gewähren, sich in beschämender Weise an keiner Initiative beteiligen will welche dies noch auf europäischer Ebene unternehmen möchte (und damit, so wie Ungarn, Polen und andere auch gegen europäische Grundwerte verstößt): so wie Anita Sarkeesian dereinst unbeachtet gefordert hatte, Hilfe verweigern, ganz einfach weil sie es nicht nötig hätten zu helfen (obwohl sie sich bei ihrem Tun und Treiben für die „Mehrheit“ oder Mitte einer Gesellschaft bekanntermaßen so gut vorkommen). Ein wahrhaft menschenverachtendes Angebot.

Update – Kommentar: ‚In diesem Fall doch: welches fehlende Geschichtswissen? Von diesem Kommentar? Ich weiß schon dass für die morgige Printausgabe nicht soviel Platz vorhanden ist, aber „das Volk“ allein? Da würden sich auf den Demonstrationen doch sicherlich auch echte

richtige, konkrete (andere) Beispiele finden lassen. „Volk“ ist nicht einmal unbedingt historisch.
Das „Volk“ steht immerhin auch immer noch auf dem Reichstagsgebäude in Berlin, selbst wenn in der deutschen Politik eher von den „Menschen“ die Rede ist. Dann wird der Begriff zumindest hierzulande unverfänglich verwendet: von Volkskultur bis zur in Österreich weiterhin regierenden „Volkspartei“. Und von fehlendem Geschichtswissen zeugt doch eher, wenn eine xenophobe soziale Bewegung taxfrei als Nationalsozialismus hingestellt wird und dieser dadurch wieder mal eklatant verharmlost werden soll – weil einfach alles „rechts Nazi“ wäre. Nur weil der den Begriff ebenfalls missbraucht hat, aber dann ist der Kommentar ja aber schon wieder zu Ende…‘

Replik: ‚Faschismus meint in dieser lapidaren Verwendung auf Demos eigentlich immer irgendwelche Eigenschaften oder Maßnahmen von staatlicher Seite mit denen sich darüber nicht einverstanden erklärt wird. Dem sollte erstens nicht unbedingt irgendeine

historische Bedeutung beigemessen werden und das zweitens emotional nun wirklich jede Demokratie die etwas auf sich hält aushalten können. Wo Figuren wie Sophie Scholl gerade auch im Kontext eines Pegida-Prominenten bemüht wurden, also Rassismus der hier gleich unter „Nazi“ verortet wird.
Mich beschäftigt eher eine Regierung mit einem neuen Innenminister wo zum ersten Ösi-Diktator zumindest ein Fragezeichen besteht, sich einer „Law & Order“-Politik gerühmt wird, an der „Festung Europa“ festgehalten, sich nicht an humanitären Initiativen beteiligt werden möchte und als Steilvorlage eine „Islam-Landkarte“ angefertigt wurde in der eine Spitalsmoschee eingetragen war. Ganz im Ernst: wovon bitte soll sich so noch distanziert werden können?‘

Über pyri

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