25. Jänner: neue Abrechnung

Diesmal bei Wolfgang M. Schmitt: ‚Respekt! Meine Hochachtung Herr Schmitt, es gelang Ihnen in diesem Video wohl jedes auch nur erdenkliche Medienressentiment zu bedienen bzw. unverhohlen vorzutragen, das auch nur ansatzweise so vorstellbar wäre: bei Minute 12, kurz nachdem Sie sich aus dem seit nunmehr weit über zehn Jahren stets neben Ihnen (gleich vor dem Cola, oder ist es doch Whiskey?) liegenden „guten Buch“ selbst zitiert hatten, kam „schöpferisch“ sogar die „Gestaltungshöhe“ zum Einsatz, welche in Deutschland bekanntlich schon jeglichen sexuellen Ausdruck über der Pornografieschwelle vom UrheberInnenrecht zu „befreien“ vermochte. Das gilt als Werturteil, ihrer „Meinung“ nach sozusagen, dann auch für Kurzvideos als lediglich technisch-kreativen Output.

Nur gut, dass „16/67“ (mit alter Technik und vollem Darm) von Kurt Kren länger als 15 Sekunden andauerte… Also ich kann zwar auch nicht wiedergeben was ich etwa im „Goldenen Zeitalter“ von Bunuel so sah, und ich bin grundsätzlich der Meinung, dass Neues – wozu ich in doch eher unbekannter Weise auch TikTok als Ausdrucksform so zählen würde – immer mit die Sehgewohnheiten eines Menschen verändert, aber wer nicht das sieht was Sie möchten, „schaut“ laut Ihnen am Ende einer jeden Sendung ja nur: als recht und billige Tarkowski-Referenz und Schlusspointe.

Höchstens die „Fahrigkeit im Denken“ fehlte in diesem Beitrag, der wirklich von A bis Z eine einzige Herabwürdigung fremder Ästhetik darstellt, oder ADHS als Ferndiagnose und General-Pathologisierung: der „Seuche“ welche Sie hier beschreiben, das was angeblich „dumm“ machen würde. Vielleicht sogar (noch) dümmer – oder was auch immer darauf noch alles folgen mochte: tut mir leid, aber bei Minute 12 brach ich ab, zog ich sinnbildlich den Stecker – entzog ich mich damit Ihnen und beschloss Sie zu deabonnieren. Wie so viele vor Ihnen schon: denn hier wird ganz einfach keineswegs „Kino anders gedacht“, sondern es werden Andersdenkende verächtlich gemacht. „Dumme Menschen“ geht deutschtümmelnd-neudeutsch „gar nicht“: es ist verharmlosend auch kein „Pessimismus“ gegenüber einer normativ gedachten „Kultur“ (samt ebensolchen „Geist“), der hier zum Ausdruck gebracht wird – jedenfalls nicht nur -, sondern aus meiner Sicht schlicht menschenverachtender Hass der da aus Ihnen spricht: pures Ressentiment am Werk.

So wie wenn Sie einen Ihrer neueren politisch korrekten Begriffe verwenden, wo genau bemerkt werden kann wie Ihnen diese Verwendung innerlich sprachliche Schmerzen zufügt, oder wenn Sie wieder eine ihrer marxistischen Plattitüden von sich geben: was schon für Theodor Wiesengrund Adorno galt, gilt halt leider auch für Sie – reaktionäre Schnösel können nicht vor sich selbst fliehen, so wie das Pferd von Martin Walser (um als Ösi einmal auf ein Pferd ohne Kurt Waldheim zu verweisen).

Nun gut: „harmlose Unterhaltung“ interessiert mich abgesehen von Nintendo nur selten, denn genau das ist es was hier (neben SuperheldInnen) ständig verteufelt wird – „harmlose Unterhaltung“. Was ich mich jedoch frage: wozu macht das Sie? Anders ausgedrückt: welche Rolle nehmen Sie stattdessen ein?

Ich hatte letztes Jahr einige Videos (mitunter sogar zur Gänze) angesehen, auch ältere, und Sie hatten sich in keinem davon je entschuldigt – deshalb gehe ich davon aus, unterstelle ich Ihnen, dass Sie das auch hier in den letzten fünf Minuten nicht mehr taten: sich entschuldigen – für diesen ganzen absolut unerträglichen Sermon den sie davor verzapften, politisch korrekt würde es wohl „schwurbelten“ heißen. Für all diese unsäglichen Beleidigungen.

Sie mögen sich ja allem Übel zum Trotz dabei sogar noch für einen Humanisten halten, aber genau das ist das Problem damit: Menschen auf ein Bild festzulegen und diese nur verachten, wenn sie diesem nicht entsprechen mögen.

Und wozu macht mich das? Zu einem dieser Menschen über die Sie hier unverhohlen sprechen, auch wenn Sie diese Sprache unter Umständen nicht zugeben werden – selbst wenn ich so gut wie kein TikTok-Video noch rezipiert habe, oder keinen einzigen Animationsfilm von Illumination gesehen. Diesen „Schuh“ ziehe ich mir jedenfalls gerne an, auch wenn er mir nicht passen sollte.

So ähnlich muss es sich zumindest angefühlt haben, als damals ab Mitte der Achtziger die neue MTV-Ästhetik gegeißelt wurde: ja, diese Rezeptionen mögen sich nur auf Effekte beziehen, keine eigentlichen Inhalte im Sinne von geistigen Nährböden darstellen – und sie mögen in erster Linie Kapitalinteressen dienen, nicht einmal „gefährlichen“ Ideologien mit einiger Substanz (sondern nur „Verblödung“ und Geld). Aber was ist diese „Kritik“ daran dann? Alles das was als „Kulturkritik“ immer vorgeworfen wurde: die Dichotomie, wenn nicht Antinomie, zwischen Kunst und Kommerz, zwischen E und U, Ernst und Unterhaltung. Das Ausnützen niederer bis niedrigster Interessen, einer angeblich verwerflichen Sensationslust, das Bereiten von „Brot und Spielen“ als elitärem Dünkel – die Ablehnung von allem „Spekulativem“, Instinktorientiertem. Die Gestalt der Zügelung und Mäßigung, Zurückhaltung: in Gewahrsam genommen um nicht „verwahrlost“ zu werden, wie in „medienverwahrlost“, menschenverachtendes Wesen zur „Genesung“.

Ja die Zivilisation hat den Menschen ihre Instinkte nicht gänzlich austreiben können und es darf längst nicht alles erlaubt sein: „online“ wie offline nicht. Zensur, Verbote sind mitunter bitter und dringend nötig – vor allem wenn es um die „goldene Regel“ und damit darum geht, Rechte, Freiheit und Interessen anderer zu schützen, wahren und gewährleisten zu können.

Dennoch ist es nicht anzunehmen, dass Menschen auch diese neuen Medien als Ersatz für Kino oder Literatur angenommen haben – dass sie wie hier absolut unironisch vorgetragen diese Werte (Kulturgüter) verdrängen, „zerstören“ würden, sondern weitaus eher als Ergänzung bereichern.

Ja, es ist – wie hier – offenbar möglich, dass für dieses Publikum auch eigene Filme entstehen: so wie Ende der 1950er Jahre aus der Schlagermusik kurzzeitig der Schlagerfilm entstand, als Zeiterscheinung – es Schlagerwettbewerbe gab an denen sich Menschen beteiligen konnten, das heißt der Schlager tief in die Sehnsüchte und damit die Alltagskultur der Menschen eindrang. Bedrohte die Schlagermusik jedoch langfristig die „Hochkultur“? Nein. Höchstens in der Einbildung Ewiggestriger stellten Menschen die ihr frönten (oder heute noch frönen) eine Bedrohung dar. So hat die volkstümliche Musik die Volksmusik auch nicht wirklich verdrängt, nur weil sie ab den 1980er Jahren breiteren Anklang bei vielen Menschen fand: beide musikalischen Ausdrucksformen mögen von wiederum anderen kategorisch abgelehnt werden. Aus ganz verschiedenen Gründen: das nennt sich Pluralismus.

Wenn ich schwitzende langhaarige Skandinavier sehe, die satanistische Verse grölen, möchte ich auch flüchten: ich fürchte mich als Katholik aber dezidiert nicht vor ihnen, sondern teile mit ihnen unter Umständen sogar das Brot. Früher hatte das Verhalten ein eindeutiges Wort: Toleranz.

Heute heißt es leider vielfach hingegen nur mehr „null Toleranz“ als Gebot der Stunde, wofür eben leider auch die „Filmanalyse“ so stehen wird. Das ist wohl leider hinzunehmen. Dennoch bleibt es für mich keinesfalls geboten so über andere Menschen zu sprechen wie Sie das unvermindert hier beständig tun, wenn Sie über deren Interessen so daherreden: seien es Marvel-Fans oder TikTok-User.

Den Erfolg von TikTok als Medium begründete dabei anscheinend auch die relative Zugänglichkeit trotz potentiell breiter Öffentlichkeit, welche direkt über das Telefon unter Umständen noch höher sein kann als bei der Erstellung von Instagram-Postings. Insta nutzen manche Prominente erfahrungsgemäß wie eine pornografische Plattform in der Hinsicht, dass sie dort ihr Innerstes nach außen kehren. Sie teilen dort nicht etwas mit, sondern vielmehr sich selbst: so wie wer sein Essen auf Facebook teilt auch keine kulinarische Botschaft vermittelt, sondern eine über die Nahrungsaufnahme seines eigenen Körpers. Und verstehen kann das nur jemand nicht, der in Kategorien von Normen denkt: soziale Medien geben keine redaktionellen Werte vor, weshalb ihre Regulierung in Hinblick einer Zuschreibung von Eigenschaften des Rundfunks auch völlig verkehrt ist. Das für jede Demokratie brandgefährliche Ergebnis dieser politisch-rechtlichen Verortung kann dabei nur jenes sein, dass sich Menschen noch mehr verstellen als in bedenklicher Weise unter Umständen ohnehin schon der Fall: noch mehr Masken tragend. Soziale Medien erfüllen damit das Bedürfnis sich mitzuteilen, aber nicht unbedingt sich auszudrücken: jegliches Kunstverständnis bedingt mitunter eine Distanz zwischen sich und dem eigenen Werk zu schaffen, obwohl das die Arbeit mit dem eigenen Körper durchaus miteinschließen kann, weshalb der Vergleich in erster Linie auf ein mangelndes Kulturverständnis für „soziale“ Medien hinausläuft, das heißt künstlerische Ausdrucksformen wie so ein Unterhaltungsfilm können diese Sozialität eher aufnehmen und verarbeiten als dass unter Umständen über diese „Medien“ selbst etwas vermittelt werden könnte das über die vermittelnde Person hinausginge.

Ihre „Meinung“ sei Ihnen zwar unbenommen, aber unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit wird hier nichts anderes als ein politisches Programm angeboten: es handelt sich hier um keine nüchterne „Analyse“ gesellschaftlicher Zustände, sondern – alles andere als das – um keine Polemik die sich hinter einer Nutzungsstatistik von Mobiltelefonen und deren Auswirkungen auf das „Hirn“ verstecken könnte. Und alles andere ist und bleibt, tut mir leid, eine absolut unerträgliche Feindseligkeit gegenüber fremden (unerwünschten) Ausdruck. Und da bin ich weg.

Es wird darüber hinaus immer Leute geben, die keine Bücher lesen und in keinem dunklen Raum mit anderen konzentriert einen Langfilm sichten wollen – die an Spielfilmen, Fiktionen, keinerlei Interesse zeigen: an die noch sämtliche Regeln der Amazon Studios spurlos vorüber gehen mögen und die sich auch von Netflix keineswegs kaufen ließen, die dafür stattdessen ihre eigenen Wirklichkeiten in dem suchen was hier banalisiert werden soll und zweifellos für trivial befunden wird: früher saßen die Leute womöglich stundenlang am Dorfplatz und haben Stumpfsinn dahergeredet – aus meiner Kindheit kannte ich jemanden, der stand den ganzen Tag an seinem Zaun und hat alle PassantInnen angesprochen ohne dass aus ihm ein zweiter Sokrates geworden wäre – dafür war er wesentlich näher bei den Menschen als Hegel, Jünger und Heidegger zusammen genommen.

Vielleicht nehmen diese volksnahen Menschen die Erzeugnisse „sozialer Medien“ ebenfalls anders als McLuhan nicht „heiß“ oder „kalt“ wahr, überhaupt nicht mehr als eigentliche Verlautbarungen in einem traditionell medialen Sinn, sondern vielmehr als wesentlich unmittelbarere Form der Information, die – sofern sie keiner Zensur unterliegt – eben auch zu einer Partizipation einlädt die keineswegs Bildern der Kommunikation über Sendung und Empfang entspricht: ich denke da etwa dezidiert an den (scheinbar) privaten Briefverkehr, der heutzutage über WhatsApp stattfindet und in welcher Form auch immer eines Tages (nicht) in Nachlässe wandern wird.

So wie Sie mir nicht antworten werden, nicht auf mich reagieren (meinen Beitrag als Hausherr vielleicht sogar verhindern, löschen, wenn ignorieren nicht mehr ausreicht) entsteht dort, in dieser virtuellen Sozialisation halt ein neues Gefühl der Gemeinschaft und Teilhabe und damit eine neue Realität (die für Sie wiederum nur eine Illusion wäre). Nur eines scheint gewiß: das mediale Feindbild welches für Haneke die Videokassette gewesen ist, oder für das ZDF („Mama, Papa, Zombie“) der Genre-Film, es kehrt beständig zurück.

Seit der Kinoreformbewegung, sowie dem Kampf gegen „Schmutz und Schund“ in der Weimarer Republik. Nur haben weder MTV noch VHS, haben weder Kristiane Backer noch Teresa Orlowski, zum Untergang eines Spenglers geführt. Das hat die geistige Verfeinerung eines opportunistischen Bürgertums und hat mitunter Spengler selbst als Protofaschist schon selbst bewerkstelligt.‘

Nachlese: Videospiele 2016

Nachtrag: bitte erkennen Sie einen lächerlich wertkonservativen Populisten wenn er vor Ihnen sitzt:

„Filmanalyse“ vor fünfzig Jahren – 1972: nicht „Der Weg der Arbeiterklasse ins Paradies“ wird besprochen, sondern mit „Kinderarzt Dr. Fröhlich“, „Grün ist die Heide“ und Roy Black beklagt wie sehr „der Schlager das Kino zerstört“. Und Gerd Bacher lässt dabei vielleicht noch schön grüßen – ein halbes Jahrhundert später hat sie „Titane“ noch immer nicht thematisiert, dafür „Sing“ 1+2, zwei Filme deren Existenz mir vor dem gestrigen Abend noch nicht einmal ansatzweise bewusst war. Anstatt über Kategorien wie Gewalt und Geschlecht, sowie grundlegende Fragen der menschlichen Existenz, werden Sie vom Herrn „Filmanalytiker kritisch“ über singende anthropomorphe Gestalten unterrichtet die Medleys zum Besten geben, wobei der „Hauptkritikpunkt“ scheinbar darin besteht, dass die einzelnen Lieder darin zu kurz angestimmt werden: wenn Sie die Frankfurter Schule vorher schon für das Letzte gehalten haben seien Sie versichert, Sie halten sie hernach für das Allerletzte.

Über pyri

PYRI / / (Pyri) / —— pyri. Steiermark/styria
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