5-Punkte-Prognose/Retrospektive

Als Replik. Zu „Dying Light“ (als Franchise, mit nunmehr „Dying Light 2“):‘

  1. Die Perspektive mag eine Nebenrolle spielen, ja, aber eher das Genre, dass in (Action-)Rollenspielen wie „Fallout“ oder „Skyrim“ Gewalthandlungen eher sanktioniert werden – Systeme in den Spielen existieren die Gewalthandlungen messen, abwiegen (eben über Meter etc.) spielt die Hauptrolle: GTA/RDR geht da schon eher in Richtung Rollenspiel, so dass ein Journalismus in Deutschland etwa schon früh relativierend behaupten konnte dass wenn in GTA Gewalt ausgeübt wird ja die Polizei kommen würde (so fragwürdig die Polizei in GTA auch ist). Und in „Skyrim“ liefen die Kinder einfach davon, in „Fallout 4“ waren dann wieder gar keine mehr vorhanden (wenn ich mich richtig erinnere, falls doch bitte ich mich zu korrigieren) während GTA/RDR traditionell überhaupt keine Kinder aufweisen.
  2. Willkür ja, aber eine andere Form der Willkür: die Willkür passiert eher dort wenn etwas (neu) erlaubt wird – nicht wenn etwas weiterhin nicht zugelassen bleibt, das heißt das was nicht zugelassen wird muss wirklich immer stimmig bleiben. Und in den letzten Jahren wurde sehr viel (neu) erlaubt – so dass fast nichts mehr verboten ist was an großen Spielen noch produziert wird. So war es vor einiger Zeit etwa noch undenkbar, dass einmal die Gewalt in „Mortal Kombat“ in Deutschland für Erwachsene freigegeben wird – aber an dieser Spruchpraxis muss sich zukünftig gehalten werden, solange sich in der Franchise nicht (wieder) etwas inhaltlich oder ästhetisch gravierend ändert. „Mortal Kombat“ erfüllt nun kein Indizierungskriterium mehr: ich schreibe normalerweise keine „muss“-Sätze auf, aber hier geht es immer um eher rechtliche Belange. Der Spielraum der USK wie der Behörden ist dabei so gering bis überhaupt nicht vorhanden (was vielen nicht hinlänglich bewusst sein mag).
  3. Eine große Ausnahme dieser Entwicklung bilden die tausenden pornografischen Spiele, die im Westen in den letzten Jahren wegen der Freizügigkeit auf Patreon und Steam kommerziell produziert wurden – etwas das es früher im Westen überhaupt nicht gab. Hierfür hat Valve sogar eine gesamte Kategorie, eben „adult only“, für Deutschland sperren lassen, weil „Pornografie“ in Deutschland (womit Inhalte über der Schwelle gemeint sind) automatisch für jugendgefährdend erklärt werden. Das hat eine lange Tradition die mit dem Medium an sich, wie der Akzeptanz von Darstellungen wie Gewalt, nichts zu tun hat, sondern eher mit Sexualität und Obszönität zusammenhängt – also ein eigenes Kapitel wäre.
  4. Es hilft jedoch, im Sinne eines Gilles Deleuze, über Europa hinauszublicken: so stellt die USK schon länger zweifellos eine dergestalt große Hausmacht im Westen dar, dass bei den großen Spielen (AAA) in den allermeisten Fällen nur mehr was in Deutschland erlaubt ist im Westen produziert wird. Diese Franchise stellt da schon eine große Ausnahme dar. Anders Japan: selbst japanische Firmen wie Capcom orientieren sich bei „Resident Evil“ danach was im Westen an Splatter-„Geschmack“ möglich ist und zensieren ihre ästhetisch in punkto Gewalt nach westlichem Gusto gestalteten Spiele für den hauseigenen Markt lieber, da bestimmte (andere) Gewaltdarstellungen (als etwa in Deutschland) in Japan nicht erlaubt sind. Hinzu (zur USK und den Behörden) kommen PR-Überlegungen: so hat sich das Frauenbild in den großen Spielen massiv gewandelt – was mit Jugendschutz praktisch nichts zu tun hatte. Ähnlich sind bestimmte Gewalthandlungen aus Gründen des Marketings heutzutage unerwünscht – eine innere Moral wiesen Medien zwar immer auf, aber in der heutigen Zeit mit ihren „sozialen“ Medien, dem Drang nach Geltung/Repräsentation (und moralischer Überlegenheit) wird (im Sinne eines Komikers wie Ricky Gervais) halt mehr moralisch geurteilt als früher. „Gewalt“ und Blutrünstigkeit (gore) sind in Computer- und Videospielen mittlerweile erstaunlich „perfekt“ akzeptiert, wenn grausliche Szenen isoliert betrachtet werden (anders als in Japan, etwa in „Resident Evil VII“) ohne dass damit jemanden geschadet werden würde oder die Gewalt wettbewerbsmäßig veranstaltet wird, wenn sie funktional einen „Kampf“ ausdrückt: „angepasst“ wurde in „Mortal Kombat“ zuletzt das Frauenbild, nicht die zugehörige groteske Gewalt drastisch reduziert. Englischer Humor wie von John Cleese oder Benny Hill, der früher befreiend wirkte, stellt in dieser Hinsicht bereits ein Problem dar: über den Vorwurf kultureller Aneignung, die schon bei Haarpracht wie Dreadlocks beginnen kann, oder wenn Männer ohne eine damit zugehörige Identität auszudrücken in Frauenkleidern auftreten.
  5. schließlich der wichtigste (und vermutlich provokanteste) Punkt: Zensur hat es immer gegeben. Zensur ist schlicht notwendig. Es kann einfach nicht „alles“ erlaubt sein. Alles andere wäre Unsinn: wer eine Verlautbarung des (deutschen) Bundeskriminalamts aufmerksam studiert wird feststellen, dass selbst der Bodensatz der Menschheit bei ihren Verbrechen einen regelrechten Katalog aufgestellt hat was dort bei ihnen im nunmehr zerschlagenen „Forum“ aus moralischen Gründen alles verboten war. Sicher kann immer behauptet werden, dass jemand „moralfrei“ wäre und sich nur danach orientieren würde was das Gesetz so hergibt, und für manche Organisationen mag das in großen Zusammenhängen auch funktionieren, auf einer individuellen Ebene mit unterschiedlichen Persönlichkeiten usw. aber eher nicht. Hinzu kommt in Deutschland eine spezifische Situation mit dem Phänomen der Indizierung oder dem Gewaltdarstellungsverbot, dem in Punkt 3 angerissenen rigorosen Umgang mit Pornografie, und Indizierung als so „starkem“ Instrumentarium das für viele Leute zweifellos gleichbedeutend mit einem „Verbot“ ist: der populäre Philosoph Richard David Precht hat darüber hinaus einmal behauptet, dass „Menschen“ – womit er mit Verlaub eher nur die Deutschen meinte – Verbote lieben würden und die Akzeptanz der Indizierung scheint allgemein recht hoch zu sein. So war es glaub ich ein progressiver deutscher Komiker der ein Mobilspiel als Glücksspiel indiziert sehen wollte. Die Zuständigen haben soweit ich weiß abgewunken, da es dafür eben keine Tradition gibt – keine entsprechende Spruchpraxis existiert. „Verboten“ oder „abgesagt“ werden kann das dann trotzdem noch, nur über öffentlichen Druck. Es findet dann auch nicht (mehr) statt – so wie hoffentlich der Krieg in der Ukraine. Oder wie Elke Monssen-Engberding es einmal formuliert hatte, wonach sie für Empörung stets Verständnis zeigen würde – im krassen Gegensatz zu meiner Wenigkeit.

TLDR: dieses Spiel (Dying Light 2) wird wie der Vorgänger als Ausnahmefall vielleicht höchstens auf Liste A längerfristig indiziert werden. Darüber hinaus es aber auch noch Spiele geben müssen welche unter das Gewaltdarstellungsverbot fallen, dies wird jedoch kleineren Titeln wie „Hatred“ oder dem kommenden „Tormentor“ vorbehalten bleiben. Ansonsten in der Industrie nur mehr wenig produziert, das dafür in Frage käme (wobei die ganze Pornografie ein eigenes Kapitel wäre) – an der Indizierungspraxis sich aber nichts ändern.‘ Nachlese

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