Filmkritik: „The Sadness“ (2021)

Vom Kompliment zum Gemetzel * 3/10 Smartphones mit Ecchi-Figuren drauf

Der taiwanesische Film paraphrasiert die Covid-19-Pandemie und entwirft eine Welt in der das sogenannte „Alvin“-Virus (plötzlich?) einen Gutteil der Bevölkerung Formosas bedroht: einmal infiziert werden die Menschen zu den abscheulichsten Taten (an)getrieben – oder haben ihren „Spaß“, je nach Sichtweise…

„The Sadness“ folgt dabei zunächst einem jungen Hetero-Paar, das allerdings alsbald getrennt wird – die meiste Zeit werden später die Erlebnisse der jungen Frau geschildert – zunächst aber die (wenigen) positiven Aspekte: der Film ist wirklich hervorragend fotografiert, sowie verfügt über ausgesprochen beeindruckende (Blut-)Effekte. Die Hauptdarstellerin („Regina“) agiert ausgesprochen konzentriert und überzeugend.
Der „Zombie“-Film mit Arthouse-Anspruch (Locarno 2021) verweist zwar ausgiebig auf den vielzitierten David Cronenberg, nicht von der Hand zu weisen ist jedoch dass es darin weniger um Körperlichkeit an sich, als vielmehr um die angenommene Verbindung zwischen Gewalt und Sexualität als Ausgangslage geht: ausgehend vom Bild eines stereotypen „Geschäftsmannes“ der im öffentlichen Nahverkehr sexuell belästigt, sexualisiert „The Sadness“ praktisch jede nur erdenkliche, darauffolgende Gewalthandlung.
Die Vorstellung einer Sexualmoral in der „üble“ Fantasien „ausgelebt“ werden bildet zweifellos das Zentrum des Films – was auch für einen asiatischen Film nahe liegt, da der Comic „Crossed“ mit leibfeindlichen Motiven „christlicher“ Prägung die Vorlage gewesen sein soll. Wie üblich transformiert das jeglicher Atheismus nur.

Die Infizierten erinnern zunächst aber auch an die wesentlich populäreren Riesen aus „Attack on Titan“, die ihrerseits wie seelenlose Hüllen wirken und ja wie Mechas von innen heraus gesteuert werden – erst als ihre sexuelle Motivation sozusagen „enthüllt“ wird ändert sich das, gewinnen sie wiederum an Gestalt (und Perversion).
Und erklärt wird das alles gegen Ende des Films von einem verrückten Virologen biologistisch, seinerseits scheinbar zu jeder Schandtat bereit: durch das „limbische System“, in dem Triebe sowieso nah beieinander liegen würden und sich ähnlich seien. Wobei die titelspendende „Traurigkeit“ sich daraus ergeben würde, dass diesem System nicht entronnen werden könnte.
Also weder (der Androhung von) Cunnilingus, noch dem Massaker: nur sich gegenseitig vergewaltigen würden die Infizierten nicht – was komisch ist, da der Film vorher plakativ eine klassische „Orgie“ unter ihnen einblendete. Die Tücken des eigenen Kompasses.

Nur nicht berücksichtigt zu werden scheint dabei, dass selbst instinktorientierte Handlungen nicht unbedingt grundlos erfolgen – was „The Sadness“ selbst aus biologischer Sicht idiotisch werden lässt: wer keinen Hunger hat wird nicht unbedingt ein Wild reißen (wollen), sondern lieber satt im Schatten liegen, usw. usf.
Aber der menschliche Wille (oder gar die Romantik) darf hier natürlich keine Rolle spielen, da ein solcher Film natürlich nebenbei auch noch hoffnungslos deterministisch veranlagt ist. Ironisch: in einem Interview mit „Thrill & Kill“ (nomen est omen) war vom kanadischstämmigen Regisseur zu erfahren, dass der Film wenigstens teilweise mit Geldern aus einer neuen Form der Prostitution finanziert wurde. Aha.

Der sexualfeindliche Charakter von „The Sadness“ ist jedenfalls mindestens so manipulativ wie überwältigend zu nennen und entspricht damit voll und ganz dem aktuellen Zeitgeist „sozialer Medien“: besonders perfide eine Szene in der vier infizierte Männer einer sadomasochistischen „Beziehung“ frönen die von außen nicht als solche erkennbar ist. Ansonsten werden die üblichen, nunmehr global gültigen, „progressiven“ Verschwörungserzählungen politisch korrekter Gewalt bemüht (ausgehend von „westlichen Werten“ im amerikanisierten Taiwan) – wie das „Gift“ einer Männlichkeit das in diesem Machwerk praktisch überall lauert, oder wenn die unerwünschte „Kultur“ der Errektionen als Waffen eingesetzt wird. Außer die eigenen Ressentiments, jene intrinsische Menschenverachtung, braucht darin nichts an „Logik“ mehr einen Sinn ergeben. „The Sadness“ ist vielmehr Ausdruck einer Welt in der das „Raubtier“ an sich zum Feindbild geworden ist. „Elementarteilchen“ inklusive.

Bleibt für mich die Festellung: von einer Gesellschaft die so etwas produziert, oder sogar universell lobt, kann ich mich nur abwenden. Schließlich noch ein Wort zum Jugendschutz in Deutschland: die FSK hat den Film für die nunmehrigen Heimkino-Formate abgelehnt – das dürfte für dessen Veröffentlichung aber keine Rolle spielen, denn löblich: solange er nicht für jugendgefährdend erklärt („indiziert“) wird, was aufgrund seines politischen Inhalts äußerst unwahrscheinlich ist, respektiert der Handel (bis auf die üblichen unverbesserlichen Verdächtigen wie die Kette mit den zwei Ms) die Gleichbehandlung mit FSK-18.

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