Filmkritik: „Keine Zeit zu sterben“ (2021)

Eigentlich hat Daniel Craig nur einen „normalen“ James-Bond-Film gemacht: „Ein Quantum Trost“ (2008). Einen belanglosen, tendenziell langweiligen Film.

Der fünfte, „Keine Zeit zu sterben“, ist dagegen wie die anderen drei: sie wollen die Franchise substantiell erweitern, wobei der letzte, „Spectre“ (2015), als direkter Nachfolger des fulminanten „Skyfall“ wohl alle enttäuscht hatte. Die (relativ) breite Ablehnung von „Keine Zeit zu sterben“ begründet sich nun in erster Linie politisch: vor allem heißt es „das sei kein James Bond (mehr)“ und damit liegen diese Stimmen weitgehend auch richtig, das ist dem Film aber nicht wirklich vorzuwerfen denn das war eigentlich ebenfalls der Erstling aus der Reihe schon: „Casino Royale“ (2006) mit all seiner „realistischen“ Gewalt und Dramatik (nicht mehr gewesen).

Und auf eben diesen Film nimmt „Keine Zeit zu sterben“ zunächst auch konsequent Bezug (die anderen drei taten dies nur latent): auf das Urtrauma des von Daniel Craig dargestellten James Bond, nämlich den Verlust „seiner“ Vespa (Eva Green). Aber der Reihe nach: der Film beginnt mit einer Sequenz die frappant an den „Hanna“-Stoff von Seth Lochhead erinnert. Blitzschnell wird klar womit man es hier zu tun haben muss: mit der Kindheit des neuen Bond-„Girls“ Léa Seydoux.

Ein Abgesang von Männern und Frauen

Anstatt sich auf das weitere Abenteuer eines Lebemanns zu konzentrieren, fokussiert der Film demnach zunächst die brutale Hintergrundgeschichte einer Frauenfigur: diese gibt hernach jedoch weiterhin die typische junge „Gespielin“ des sichtlich in die Jahre gekommenen „Helden“, aber irgendetwas stimmt in dieser vermeintlichen Idylle naturgemäß ganz eindeutig nicht. Nein, ausnahmsweise ist daran nicht der „Mann“ Schuld – wie der Film überhaupt kaum „Me Too“ channelt: wer Barbara Broccoli kennt kann das auch nicht ernsthaft erwarten.

Vielmehr mag James Bond nicht: die mediterrane „Exotik“, das hübsche Planschen im schönen Meer, das „strategisch nackte“ Herumliegen in Luxuskulissen, das unwahrscheinliche Überleben von Anschlägen, der Radau welche jede Erinnerung stört. Wegen „Action“ und ständiger Gefahr einfach keine Ruhe haben können: er hat einfach alles über und wirkt tendenziell lebensmüde.

Ja, der Film verfügt in seiner ersten halben Stunde (von weit über zweieinhalb!) über sämtliche typischen James-Bond-Bilder, aber einen lebensmüden Bond hat es (in dieser Form) bislang halt noch nicht gegeben. Nein, Broccoli hat das Franchise mit dieser Produktion nicht verraten – sie hat unter die Vergangenheit nur einen Schlusspunkt gesetzt (inklusive völlig offener Zukunft für „James Bond“).

Dazu gehört auch der einmalige Umgang mit dem Titellied, gesungen von Billie Eilish (welche demnächst bei Denis Villeneuve die Irulan geben soll): obwohl tradtioneller Gesang, könnte der Song von einem typischen Bond-Ohrwurm nicht weiter entfernt sein. Dazu passen die zugehörigen Bilder: das Lied führt in ein surreales Jenseits über, das keine Aufregung mehr zu kennen scheint.

Und der Film welcher danach folgt wird zweifellos alle enttäuschen die (trotzdem) „James Bond“ haben wollen, also trotz der Tatsache dass James Bond nicht mehr James Bond sein möchte. Stellvertretend für alle anderen „James Bond“:

ein neuer James Bond? Wird es so jemanden überhaupt geben (können)? Nein, nicht unbedingt, denn wer mitbekommen hat welche kolportierten Unsummen für die Streaming-Rechte dieser EON-Produktion im Vorfeld ihrer (lange Zeit Covid-bedingt hinausgezögerten) Veröffentlichung verlangt worden sein sollen, wo Amazon & Co. nur schallend gelacht haben könnten, wird sich bei aller Politik auch eher fragen ob ein neuer James Bond überhaupt technisch noch in unsere Zeit passt. Als Film wirkt „Keine Zeit zu sterben“ mit seinem weichen Licht dabei sowieso wie eine Vergeudung des verwendeten Materials: ästhetisch war bereits bei „Spectre“ eine Hinwendung zu den digitalen Befindlichkeiten von heute festzustellen, nachdem es Roger Deakins mit „Skyfall“ teilweise wirklich gelang den Film wie „Goldfinger“ fünfzig Jahre davor aussehen zu lassen.

Mit Bond im Ruhestand ist „007“ nun sowieso bereits eine junge schwarze Frau geworden – was aber weniger als Provokation rüberkommt sondern vielmehr einen der wenigen witzigen Aspekte dieses Films darstellt: die Figur, gespielt von Lashana Lynch, wird Bond eher wie ein Sidekick beigestellt. Leider sind die drei anderen, „klassischen“ Nebenfiguren allesamt verlängerte Enttäuschungen: im Unterschied zu Judi Dench ist Ralph Fiennes als M(allory) nicht gewachsen und der Fruchtgummi verzehrende Q mit Siamkatze hatte von Beginn an gar kein Potential während Naomie Harris als „Miss“ Moneypenny zwar keine „Sekretärin“ mehr sein mag, aber dafür spätestens in der zweiten Hälfte des Films den Eindruck einer Statistin weckt.

Jenseits von Bond

Der Plot in dem Christoph Waltz als Ernst Blofeld nur einen sehr kurzen Gastauftritt hinlegt, ist eine krude Fortsetzung von „Casino Royale“ und „Spectre“, wobei den Handlungsbogen insgesamt betreffend von den anderen vier Filmen des Bond-Reboots mit Daniel Craig seit „Casino Royale“ 2006 vieles einfach ausgelassen zu werden scheint: ich würde sogar sagen, dass es sich bei dem Film der offensichtlich mehr sein will als „nur“ ein James-Bond-Film um einen eher durchschnittlichen Bond handelt und ihn von den Craig-Bonds an dritter Stelle einordnen. Aufgrund der unkonventionell melodramatischen Anleihen ist er politisch allgemein betrachtet interessanter als der schnell produzierte „Ein Quantum Trost“ und auf alle Fälle besser als der dramaturgisch ziemlich misslungene „Spectre“, aber an die Qualität von sowohl „Casino Royale“ als auch „Skyfall“ vor zehn Jahren, welche beide zu den besten 007-Filmen aller Zeiten zählen, reicht diese EON-Produktion keinesfalls heran: anders als mit Vesper Lynd, um die Bond hier zu Beginn wie gesagt (noch einmal) trauert, stimmt die Chemie bei seiner „Liebe“ zu Madeleine Swann (Seydoux, „Death Stranding“, „Emmanuelle“ usw.) nicht wirklich. Das hat vermutlich damit zu tun, dass sich Craig und Seydoux äußerlich und von der schauspielerischen Anlage her zu ähnlich sind: die „Girls“ früherer Tage wurden ja noch als Kontrastmittel ausgewählt – derlei Spannung ist aus sexuellen Gründen aber nicht mehr vorgesehen. Nur kann der Umstand, dass dieser Bond der alles andere als ein Playboy mehr sein will in einer Szene in der Küche Äpfel schneidet ebenfalls übersehen werden: sie ist irrelevant. Das alles macht „Keine Zeit zu sterben“ neubürgerlich zwar einerseits höchst unerotisch, andererseits ist der neue deformierte Bösewicht Safin (Rami Malek) dafür ein Anachronismus schlechthin, Ausdruck der nach wie vor konservativen Anlage von Michael G. Wilson und Barbara Broccoli, sowie bleibt mit seinem entstellten Wesen nicht nur äußerlich blaß: anders als Waltz, der seinem Blofeld mit dem ihm eigentümlichen Spiel charakterliche Tiefe verleihen wollte, ist Malek der stereotype „comic book villain“ schlechthin. Dazu passt dessen undurchdringliche Idee einer neuartigen Superwaffe (zwischen Ökofaschismus und herkömmlicher Misanthropie), die à la „Tenet“ zwar wahnsinnig komplex tut aber hinter der gedanklich halt nicht viel steckt.

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