Der Umgang mit dem Weltuntergang

Stand in Tagen vor dem 24. Feber jemand mit einem Schild an einem öffentlichen Ort (wie auf einer Straße) und hielt die „Meinung“ hoch das Ende der Welt sei nahe, handelte es sich um das Stereotyp von Verrückten, jenes über „crazy people“: heutzutage könnte eine solche Person genauso gut „morgen geht die Sonne wieder auf“ verkünden, oder „morgen ist auch noch ein Tag“ sagen. Dabei ist nicht einmal ein (bekannter) Komet unterwegs (1, 2), sondern nur ein einziges Regime (oder sogar ein einzelner Mensch) gemeint.

So weit ist es gekommen. Ich meine die meisten ignorieren diese Situation weitestgehend: dass diese Kulmination von Macht überhaupt existiert und tatsächlich bittere Realität ist. Sie üben sich dafür in Ausflüchte: die einen mögen sie dennoch für begrenzt halten – linke Aussteiger wähnen sich in Neuseeland in Sicherheit, rechte AntiamerikanistInnen glauben die „Amis“ würden (das verhasste vereinte) Europa (und dort noch dazu das 1945 zum zweiten Mal „gedemütigte“ Deutschland) als Spielball ihrer sinistren Kräfte missbrauchen (gewürzt, je nach Bedarf, mit einer beliebigen Menge Antisemitismus). Andere markieren Stärke: sie betonen, dass die Bedrohung (dann) selbst zerstört werden würde – ohne jede Frage danach zu berücksichtigen ob dies gar relevant wäre (oder von Interesse für die Bedrohung), noch etwas ausmachen könne. In Wirklichkeit werden keine Alternativen zugelassen: die Ausweglosigkeit der momentanen Situation einfach nicht erkannt werden.

Ein einziges unerträgliches Zuwarten auf unabsehbare Entwicklungen

Ein (vermeintlicher) Spitzendiplomat beschimpft in Deutschland Anfang der Woche den wohl reichsten Menschen der Welt (formal abgesehen von der Bedrohung selbst) weil dieser einen Friedensvorschlag unterbreitet hatte der vermeintlich eine Seite (eben die Gegenseite) bevorzugt, obwohl von Vornherein klar war dass diese jenen (sicherlich gut gemeinten aber nichtsdestotrotz präpotenten) Vorschlag ablehnen wird. Ein auf EU-Ebene in absoluter Führungsposition beratend tätiger österreichischer (!) Militär sieht bei Zündung einer (wiederum nach 1945) dritten Atombombe noch keinen Grund für ein direktes militärisches Einschreiten von NATO-Staaten, während pensionierte US-Generäle dann nicht nur eine gezielte Vernichtung konventioneller Assets der Bedrohung an allen möglichen Orten vermuten, sondern bei anschließender Verstrahlung von Ländern sogar den Bündnisfall (Artikel 5) bereits in den Raum stellen.

1945 – 1989 – 2022

Unterdessen möchte das Opfer der Aggression Gespräche mit dem Täter und damit der Bedrohung für den Rest der Welt sogar per Gesetz unterbinden: jegliche Friedensverhandlungen erscheinen dadurch vorerst völlig ausgeschlossen zu sein – keineswegs erwünscht und Friedensbemühungen längst verdächtig, tendenziell schon kriminell.

Nun war ich zu keinem Zeitpunkt ein Freund jeglichen Pazifismus und sah die (traditionelle) Friedensbewegung (wie praktisch sämtliche „sozialen“ Bewegungen) stets überaus negativ, sowie bin in meiner Kindheit und Jugend ein mehr oder weniger großer Fan der NATO gewesen. Das änderte sich für die Friedensbewegung erst in der aktuellen Situation als sie ihren Nimbus verloren hat und diese ihrerseits marginalisiert keinerlei Ausdruck moralischer Gewalt, Überlegenheitsdünkel oder Mehrheitsfähigkeit mehr verbindet – es eigentlich kaum jemanden mehr gibt der sich noch mit der Friedensbewegung in ihrer traditionellen Form bei allem ungeheuerlichen Geschrei nach Waffen, Waffen und nochmals Waffen damit identifizieren möchte: da kann es, bei all dieser Perfidie, keine gemeinsame Basis, keinerlei verbindenden Werte geben – etwa mit der links- wie rechtsbürgerlich veröffentlichten Meinung in Deutschland. Nur Ablehnung.

Nicht jeder Krieg konnte oder brauchte zwar am Verhandlungstisch enden, das naturgemäß großer und verwirrter Unsinn, und ja, im Zweiten Weltkrieg durfte die Gerechtigkeit obsiegen, doch damals war in Europa ein zumindest funktionierendes Atomwaffen-Arsenal auch nicht verfügbar gewesen. Und nein, ein bescheidener Mensch ist keine Schande für die Steiermark – so krude antiimperialistische Ideen dieser auch vertreten mag: er hatte sein Konterfrei schließlich zu keinem Amtsantritt tagelang parteizentral über einen großen Platz der Landeshauptstadt spannen lassen. Doch Solidarität und die Versorgung mit konventionellen Waffen kann nur bei Existenz einer Perspektive auf eine Kompromisslösung Sinn machen – eine vernünftige Lösung ergeben – und nicht allein darauf vertraut werden, dass mit den Atomwaffen schon nichts passieren wird – darauf doch verzichtet werden – oder absurder Weise vielleicht sogar noch gehofft, dass gesetzt den Fall in der Befehlskette etwas „schief“ laufen würde. Nicht ohne wenn und aber: insgeheim sind zwar Bedingungen bekannt, diese allein schon an der Form der bislang gelieferten Waffen erkennbar, am schlimmsten dürfte jedoch sein, dass in der breit getretenen Öffentlichkeit weiterhin nur die „Moral“ der Sache vorgestellt wird – das heißt im Grunde in erster Linie ukrainische Forderungen kommuniziert werden, Zahlen der Kosten für diese Waffen jongliert und keinerlei Aufklärung dagegen zugelassen wird. Nach dem Motto: es wird damit schon gut gehen und nichts anderes geschehen. Ich war zwar kaum je ein Optimist, aber sehe keinen einzigen Grund für diese aus meiner Sicht absurden Annahme: eine Position welche ich nicht einmal naiv nennen kann, da sämtliche von Vornherein ausgesprochenen Drohungen keinerlei Anlass zu dieser Naivität geben.

Ein weiteres „Arrangieren“ mit dieser Situation scheint dabei längerfristig die Vorstellung eines Kalten Krieges mit einem riesigen Nordkorea als „Gegner“ zu sein, während das „echte“ Nordkorea unterdessen schon (wieder) Japan bedroht hat – was diesmal sogar zu Ansätzen von Evakuierungen führte. Diese Vorstellung des größten Landes der Erde mit den meisten Kernwaffen als sozusagen Riesenzwerg, wohl gemessen an dessen ökonomischer Größe, halte ich für eine Illusion par jeder Relation: weder kann Russland dermaßen isoliert werden, noch würde dies sein Drohpotential verringern können – die Bedrohung dadurch eher noch größer werden wenn es sozusagen aus „moralischen“ Gründen marginalisiert geächtet wird.

Talking heads: in der neuen „Show“ des geschassten kleinen Bruders des zurückgetretenen Gouverneurs von New York spricht der letzte Verteidigungsminister unter Clinton, William Cohen – wohlgemerkt ein Republikaner -, von der Bedrohung zwar als realer Gefahr, aber „meint“ dennoch dass diese lediglich „niedergedrückt“ werden bräuchte („deterred“, mit „deterrence“ als über beide Kurzinterviews in der oberflächlichen Sendung verstreutes Wundermittel). Eine einfach unbegreiflich aggressive Logik: eine Bedrohung kann nicht „abgeschreckt“ werden, ansonsten wäre sie keine. Sie ist es selbst welche genau das tut – nichts und niemand anderes -, weshalb Abschreckung kein Konzept mehr sein kann wenn die Bedrohung bereits vorhanden ist. Abschreckung kann nur solange funktionieren, solange beide Seiten sich in grundsätzlich ähnlichen Situationen befinden – nicht wenn eine Seite diese längst verlassen hat, einer Niederlage entgegensieht und diese potentielle Niederlage keinen „stellvertretenden“ Konflikt betrifft, sondern eigene Landnahme und deren Verlust damit eine existentielle Krise auslösen würde – so vorgeblich, irreal und propagandistisch flankiert diese Krise auch immer wäre: im Gegenteil – kein „Gegner“ dürfte in einer solch brandgefährlichen Situation, bei der Nuklearwaffen im Spiel sind, erniedrigt werden.

Wie konnte es soweit kommen?

2013 wurde mit dem „Euromaidan“ im Westen zunächst eine weitere „Revolution“ als „soziale Bewegung“ gefeiert. Nur an den politischen Rändern gab es Skepsis, wurde dabei mitunter von einem „Putsch“ gesprochen: die Empörung bewegte sich damals noch genau entlang dieser Semantik während die darauffolgende erste Besetzung des Aggressors als Reaktion auf diese „Befreiung“ schnell hinter die Prosperität im restlichen Land trat. Im folgenden am 4. Oktober 2022 veröffentlichten Video meint ein ländlicher Passant jedoch, dass bereits damals (2014) der Aggressor seine Bevölkerung mobilisieren hätte sollen und alles (von heute) unterjochen:

Link mit Timestamp bei 2:02

Ein Weltuntergang mit Ansage also: die Macht kulminierte freilich ohne diese Öffentlichkeit und ihre Funktion wird auch heute noch nach Möglichkeit moralisch verbrämt. Immer wenn es in den letzten Jahren um Kritik an mangelhaften Menschenrechten etc. ging, war damit praktisch die Verfolgung von Minderheiten oder prominenten Einzelpersonen im Blick, bzw. waren einzelne Gruppen im Rahmen eines Aktivismus gegen das Regime gemeint – zu keinem Zeitpunkt ging es darum wie die Macht eigentlich erhalten wurde, weite Teile der Bevölkerung (siehe oben) mittels Gehirnwäsche indoktriniert worden waren, wie kriminelle Strukturen etabliert wurden usw. Viele Facetten blieben in der Außenwahrnehmung weitestgehend ausgeblendet – etwa die Rolle der Kirche im Land: in einer frühen Fernsehdebatte brachte einer meiner ehemaligen Lehrer an der Universität Graz diese ein, welch positive und konstruktive Kraft sie doch darstellen könnte – er schien von der langjährigen Verwicklung des Moskauer Patriarchats in den Konflikt, auch und gerade mit dem (2018 fusionierten) Kiewer Patriarchat, noch nichts mitbekommen zu haben.

Nein es reicht nicht wenn eine orthodoxe Theologin in Deutschland blasphemische Äußerungen verurteilt, als Katholik erwarte ich mir dass der Papst in Rom klare und deutliche Worte an Moskau allein richtet – ein mögliches Scheitern der Ökumene bedeutet nicht zu schweigen, wenn eine Seite völlig unverhältnismäßig agiert.

Good night, and good luck.

Als 2015 in der Ukraine eine umfangreiche antikommunistische Gesetzgebung erlassen wurde kümmerte dies im Westen niemand, außer ein paar versprengte SozialistInnen: noch lebende Angehörige der Roten Armee durften etwa ihre Orden, die sie einst im Kampf gegen den Nationalsozialismus erworben hatten, daraufhin nicht mehr öffentlich zur Schau stellen. Die Hollywood-Stars welche die Kiewer Regierung seither besucht haben tun immer so als wüssten sie nicht mit wem sie sich dort einlassen: ok, vielleicht wissen sie es wirklich nicht. Senator Joseph McCarthy und J. Edgar Hoover würden jedenfalls vor Neid erblassen: soviel zu deren Liberalität. Bei mir in der Küche bleiben Hammer und Sichel jedenfalls symbolisch erhalten – in Erinnerung an das russische Leid von damals, nicht für Stalin und gegen die Nachkommen der Opfer des Holodomor, sondern im Kampf gegen den damaligen faschistischen Aggressor. Wobei ich über eine Geschichtspolitik und Erinnerungskultur die Denkmäler für Nazi-Kollaborateure errichtet mit gutem Gewissen keinesfalls hinwegsehen kann. Genauso wenig wie über allgemein oberflächliche Darstellungen, welche das eine oder andere „attraktive“ Detail betonen – telegenen Inszenierungen den Vorzug über eine ansonsten diffamierte und darüber hinaus sowieso nicht stattfindende Auseinandersetzung geben: wo sobald sich Widerspruch regt jemand als „Schwurbler“ oder „Versteher“ diskreditiert wird, damit sich jemand mit unliebsamen Wortmeldungen nicht ein einziges Mal beschäftigen braucht. Was das bedeutet, über eine Gesellschaft sagt, grundsätzlich bezeichnend zu nennen – nicht nur bei dem Thema, sondern auch bei Missbrauch, Antisexismus, Trans-Rechte, Antirassismus, Covid oder Klimawandel. Sämtlichen brennenden Themen mit Konfliktpotential: wer Worte von sich gibt die offenkundig nicht verstanden werden „schwurbelt“ bekanntlich und wer etwas „verstehen“ würde was demnach nicht verstanden werden soll wird auf diese Weise beschimpft, verächtlich gemacht.

Und populistische Figuren wie Oliver Stone haben sich damit auf der andern Seite wohl besonders schuldig gemacht – wobei sie uns RezipientInnen quasi zu KomplizInnen dieser Macht machten: es war bei den „Interviews“ 2017 wie Berlusconi jovial dabei zu beobachten wie er ein Bildnis Mussolinis klammheimlich versteckt nachdem er etwa seinen Popel mit einem Espresso hinuntergespült hatte. Eine Mischung aus Geschmacklosigkeit, Ekel und Verharmlosung. Mehr oder weniger charmantes Boulevard. Ich hatte das damals verfolgt ohne mir viel dabei zu denken: es war ein sozialvoyeuristischer Blick in den Machtapparat hinein und offensichtlich auf Sympathien aus. Nur verstanden werden konnte dabei letztlich nichts – geschweige denn eine heutige Situation vorausgeahnt.

Natürlich hat kein italienischer Ministerpräsident, nebst anderen historischen Figuren, je über die Macht und Bedrohlichkeit des heutigen Aggressors verfügt – oder auch nur annähernd dessen genuine Gefährlichkeit ausgestrahlt. Das ist einfach nur lächerlich: die wahre Operette.

Nicht weniger theatralisch jedoch die andere Musik welche ständig gespielt wird, dass nämlich bloß weil jemand auf der „richtigen“ Seite stünde stets Recht und Zuspruch bekommen sollte – vielleicht höchstens hinter den Kulissen mal „ermahnt“ wird, und sei es für Mord und Totschlag, wie die New York Times heute berichtete.

Zustände, Verhältnisse in Beziehung zu setzen „relativiert“ nicht unbedingt die gefühlte Wahrheit oder verletzt die Anerkennung bereits entstandenen Unrechts. Wenn keine übergelagerte Ordnung mehr existiert, aber im Sinne eines Chomsky das organisierte Leben auf diesem Planeten dennoch erhalten bleiben soll.

Über pyri

PYRI / / (Pyri) / —— pyri. Steiermark/styria
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