„Jugendschutz“ oder Zensur: etwa Boris Schneider-Johne, dekonstruiert – Kommentar im VDVC-Forum

Kommentar: ‚Meiner Erfahrung nach läuft es meist so ab, dass Zensur aus einem sehr subjektiven Winkel betrachtet wird. Meist wird ein anderer subjektiver Winkel den dem etwaig Widersprechenden in Folge auch noch vorgeworfen. So entsteht ein Kreislauf indem sich Positionen begegnen die sich jeweilig für objektiver halten, das heißt eben auch für „richtiger“.
Zensur wird so zu überhaupt keinem Vorwurf mehr, sondern eher zu einem Umstand, einem Prozess dem sich keine Gesellschaften entziehen könnten. Zensur wäre so auch etwas Omnipräsentes in der Welt.
Hinzu kommt, dass hierzulande unter Zensur meinem Eindruck nach eher nur politische Äußerungen als potentiell davon betroffen ausgemacht werden, wobei wiederum politischer Extremismus davon ausgenommen wird. „Killerspiele“ laufen meiner Meinung nach so auch beständig Gefahr (irgendwann mal) als politischer Extremismus (offiziell) identifiziert zu werden. Um Sex oder Gewalt ginge es bei Zensur demnach schonmal gar nicht unbedingt, das könnte von „Zensur“ womöglich gar nicht betroffen sein – sondern wäre (auch) weit eher eben „Jugendschutz“.

Boris Schneider-Johne dürfte auf seinem privaten Blog etwa mal nahegelegt haben, dass Zensur bei Sex- oder Gewaltdarstellungen so (als Vorwurf) gar keine Zensur wäre. Also überhaupt nichts Negatives (erstes und zweites von vier Zitaten). Zumal es dem Vernehmen nach auch nicht um wertvollen (wie für gewöhnlich offenbar – eher – musealisierten) Ausdruck ginge, sondern bei Videospielen eher um eine Manifestation von schmutzigem Geld. „Gewalt-Geld“ oder „Geld“ (Kapital) mit „Gewalt“ wenn man so will (drittes Zitat). Die Idee noch als (antikapitalistische) „Kritik“ verkauft wird. Minderheitenwünsche werden dabei auch gegen eine Mehrheit gestellt (viertes und letztes der folgenden Zitate), wobei „Zensur“ offensichtlich auch so legitimiert werden soll:

‚“Dead Rising ist doch lustig und nicht brutal“. Vielleicht ist genau dieses das Problem? Wesen auf brutale Weise töten macht Spaß? Ich habe volles Verständnis dafür, wenn die Jugendschutz-Behörden in Deutschland das hier nicht zulassen wollen. (…)
In keinem Medium gibt es die absolut “freie Rede”. Das im deutschen Wertesystem aufgrund der Vergangenheit in diesem Jahrhundert das Thema “Gewalt” ein sensibles ist, sollte man bitte akzeptieren. Nochmal ein Vergleich mit der Porno-Branche: Bei uns in Deutschland ist eine Menge Erotik in frei zugänglichen Medien erlaubt, Erwachsene haben sehr einfachen Zugriff auf “harte Pornos” – aber bei bestimmten Sexualpraktiken ist Schluß, die finden auch bei Beate Uhse nicht statt. In USA ist die freie Erotik wesentlich eingeschränkter. In Holland kommen Erwachsene umgekehrt auch an Sachen ran, die in Deutschland verboten sind. In Deutschland ist Postversand von harter Pornographie nicht möglich, die Österreiche schicken auch härteres Material problemlos per Post. Das sind nun mal die Regeln, im jeweiligen gesellschaftlichen Prozess aufgestellt. Erwachsene können in Deutschland nicht frei entscheiden, welche Pornos sie sehen, mit welcher Geschwindigkeit sie durch eine Tempo 30 Zone fahren und wieviel Geld sie dem Staat von ihrem Gehalt abgegeben wollen. Warum sollten Computerspiele ein regelfreier Raum sein? In Österreich ist dafür Tempo 130 auf der Autobahn, ohne Ausnahme. (…)
“So ein Spiel ist ein künstlerisches Gesamtwerk“. Nein, es ist ein kommerzielles Produkt, darauf ausgelegt, möglichst viel zu verkaufen. Viele Spiele stoßen bewußt und absichtlich an Grenzen des Geschmacks und der ethischen Systeme, um damit Kasse zu machen und nicht, weil dahinter ein Künstler sitzt, der der Gesellschaft eine “Aussage” machen will. Wieviele Leute, die hier mit dem Begriff “Kunst” hantieren, können jeweils zehn berühmte Maler, Bildhauer, Aktionskünstler und Komponisten des 20. Jahrhunderts nennen? (…)
Man darf nicht denken, daß es in Deutschland lediglich zehn Politiker und zwanzig Leute bei der USK gibt, die Gewaltspiele verbieten wollen. Das ist falsch. Wenn man einer repräsentativen Gruppe der Bevölkerung Dead Rising zeigen würde und fragen würde, soll so was in Deutschland frei erhältlich sein, kann hier niemand mit Sicherheit sagen, ob die Hälfte der Befragten den Titel “zulassen” würden.‘ http://www.dreisechzig.net/wp/archives/588

Gern wird auch eine US-Prüderie vorgebracht, welche viel schlimmer wäre als die deutsche Gewaltphobie – die wiederum wesentlich verständlicher sein würde, auch angesichts der eigenen Geschichte und so (siehe auch das zweite Zitat oben). Wie Kultur dabei selektiert wird, Anderes ausgegrenzt, bloß eigene Vorstellungen/Zugänge/Einstellungen (weiter) tradiert werden, wird erfahrungsgemäß ausgeblendet. Leider arbeitet auch ein ausgewiesener Zensurforscher wie Roland Seim dabei meiner Ansicht nach ähnlich. Und deshalb hört man gerade in Deutschland auch öffentlich überhaupt nicht soviel gegen (eine vorhandene) „Zensur“. „Zensur“ ist so etwas sehr Erwünschtes –
In vielerlei Hinsicht. Aktuell etwa dabei wenn es um das für die USA veränderte Cover des deutschen Spiels „Risen 2“ geht
Die ESRB will bekanntlich kein Blut auf Spielverpackungen sehen – was zu Unverständnis hierzulande führt, etwa in den Kommentaren bei IDG http://www.gamepro.de/playstation/spiele/ps3/risen-2-dark-waters/news/risen_2,46926,2566265.html

Da wird sich dann gern auf (in Deutschland) allgemein als besonders menschenverachtend geltende Titel wie „Manhunt“ geeinigt und (kollektiv) auf die Amis geschimpft, welche „so was“ ja sogar für Siebzehnjährige noch zulassen würden.
Ich arbeite gerade an meiner Analyse zum „Elternprivileg“ wogegen sich ein Ch. Pfeiffer schon vor zehn Jahren eingesetzt hat: und das spielt da wohl auch hinein, dabei was alles Zensur wäre und was nicht – Zensur ist dabei vor allem eines glaub ich (nicht): das was jeweilig (nicht) dafür gehalten wird 😉 Und kaum etwas das Volljährige eigentlich betreffen würde.‘

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