Kommentar zum Umgang mit Geschichte…

… im österreichischen Boulevard: ‚Die Anzeige kann sich nur auf die ersten paar Sekunden des Interviews beziehen und allein demnach sollte eigentlich sofort klar werden, dass diese Darstellung so keinesfalls stimmen kann: die Bemerkung kam überhaupt nicht von Komiker Jan Böhmermann selbst, sondern dem ORF-Journalisten Christian Konrad. Und war im Grunde gar keine Äußerung dieser beiden Personen, sondern bezog sich auf einen seit Jahrzehnten bekannten Ausspruch Thomas Bernhards, den Böhmermann zum Einstieg des Geplänkels mit Konrad lediglich aktualisieren wollte (als er die Zahl erhöhte, weil jetzt mehr Menschen in Österreich leben – als noch vor dreißig oder vierzig Jahren – haha).

Egal ob dieses Geplänkel satirisch oder humoristisch gelungen war, gut oder schlecht (als Werturteil), wohlwollend gemeint (ja, auch das wäre durchaus möglich – in Hinblick auf eine konstruktive Erinnerungskultur nämlich – siehe weiter unten) oder mit böser Absicht versehen, nicht vielmehr bemüht und verkrampft wirkte, es war jedenfalls eindeutig nicht ernst gemeint. Schließlich hat der österreichische Bundeskanzler mit dem Versicherungswesen soweit ich weiß auch nichts zu tun, geschweige denn sonst je irgendeinen traditionell bürgerlich geltenden Beruf ausgeübt (wer es besser weiß möge mich korrigieren), das heißt die Unterstellung solcher Karrieren sind ebenfalls kein Gegenstand irgendwelcher „Klagen“. Und kulturhistorische Bildung mag kein Auftrag für die Ausbildung an Rechtsfakultäten sein – die Frage wie ein Mensch, der in Österreich offenbar als Rechtsanwalt zugelassen ist („Austro-Anwalt“ sei), und jedenfalls kein Links-Anwalt, auf die Idee kommt, dass etwa der Umstand wenn ein Milieu in dem er sich zu bewegen pflegt etwas nicht lustig findet, das Unlustige strafrechtlich relevant wäre, kann ich nur weitaus eher für eine Herabwürdigung der Republik halten, beleidigend und menschenverachtend.

Darüber hinaus: 1. ist etwas nicht zu „sollen“ normativ in keinem Fall schwerwiegender als etwas nicht zu „dürfen“, denn „sollen“ drückt ein Gebot aus, während „dürfen“ auf ein Verbot hinweist. Wobei rechtlich relevant hier nur ein etwaiges Verbot sein kann, nicht ob etwas dem Anwalt (persönlich, ihm oder seinem etwaigen Bekannten- und Freundeskreis) sonst besser gefällt. Dass ein (zugelassener) Anwalt eine solche Semantik verwendet finde ich unfassbar, macht mich fassungslos und zutiefst betroffen. 2. das vorgestellte Leistungsdenken: was kann mit den Errungenschaften der „Großväter“ hier gemeint sein und was soll dieser überaus einseitige Umgang mit Geschichte? Oder was wäre dieser vermeintlich positive Beitrag der Geschichte, wenn damit (im Falle Österreichs oder Deutschlands) doch nur die Shoah oder der Krankenmord ausgeblendet werden würde? Fällt nicht auf, dass die kritisierten Passagen genau darauf abzielten und damit auf den (potentiell) „Klagenden“ erst recht zurückfallen könnten? Schließlich gab es halt auch diese dunklen Seiten, welche selbst FPÖ, „Identitäre“, „neue“ Rechte und Co. nunmehr stets betonen dass sie damit nie und nimmer etwas (mehr) zu tun haben (wollen) – obwohl sie immer wieder mit solcher Geschmack- und Verantwortungslosigkeit, mangelnder politischer oder journalistischer Sorgfaltspflicht darauf herein- und zurückfallen. Bei ihrer Schlussstrich-Politik und Mentalität. 3. Strafrecht für einen weiteren Gesinnungsdelikt bemühen zu wollen, aber gleichzeitig eine „Meinungsdiktatur“ oder „Tugendterror“ in der Opferrolle zu beklagen – wie kann das zusammenpassen? Interpretatorisch Sinn ergeben? Geschweige denn verständlich sein, wenn scheinbar nicht einmal der Text kapiert wurde wegen den jemand angezeigt worden war, und keine Kenntnisse über die Zeitgeschichte und das literarische Erbe Österreichs über eine patriotisch-nostalgische Verklärung hinaus zu bestehen scheinen. Sowie schließlich: wie kann ein solcher Anspruch, angesichts dieses Ausspruchs (Thomas Bernhards) dann überhaupt noch existieren, in Video- oder Anzeigenform vorhanden sein?‘

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