Aufwühlende Erinnerungen: Ersteindruck „Watch Dogs“ (2014)

Mit Ausnahme von Jade aus „Beyond Good & Evil“ und zuletzt Aurora in „Child of Light“ spielten Frauen und Mädchen in Ubisoft-Spielen schon immer die zweite Geige. Sie waren mehr oder weniger lästige Anhängsel, bloße Stichwortgeberinnen. Unnahbar Passivisierte wie etwa Lucy Stillman (Kristen Bell) in „Assassin’s Creed“. Oder sie wurden, wie Aveline in „Assassin’s Creed III“ und Rianna Saren aus (dem ohnehin schon patriarchalen) „Star Wars“-Universum, gleich auf Handhelds als Second Releases abgeschoben. Und mit „Watch Dogs“ ändert sich das jedenfalls nicht.

Nur wie zuletzt „24“ zitiert man eben ein bisschen Stieg Larsson, aber ohne dessen politische Implikationen wohl auch nur nachvollziehen zu können: „Watch Dogs“ meint halt „Hacken“ sei cool – es ist die mehr oder weniger altbekannte, reaktionäre Attitüde des Cyberpunk. Dieser Aiden Pearce stellt jedoch zweifellos einen neuen Tiefpunkt in einer langen Reihe unsympathischer Ubisoft-Protagonisten dar.

Und dabei will das Spiel noch, dass man andauernd Mitleid hätte mit dem Kerl – wie er sich so mordend und brandschatzend durch die Dystopie eines vollständig überwachten Chicagos schlägt. Mit all seiner abgedroschenen Unterwelt und gewohnt korrupten Politik. Die Story wäre auch schnell erzählt, zumal es sich hier mal wirklich nur um eine „Hintergrundgeschichte“ handelt und diese mit den üblichen Versatzstücken aus „Familie“ und „Werten“ ausgestattet ist.

Hier spielt man halt einen Onkel (!) auf Rachefeldzug, der dabei aber irgendwie ebenfalls vergisst dass er ein großer Bruder ist und seiner Family die Suppe eigentlich selber eingebrockt hat. Und nicht unbedingt weniger kriminelle Energie aufweist, als seine Kollegen in Los Santos.

Hinzu kommt, dass die Grafik des Spiels (PS4) teilweise wirklich eine Frechheit ist. Das beginnt etwa schon bei den plumpen, an Spielzeug erinnernden, Autos. Im Vergleich zu einem „GTA V“ (selbst auf der 360!) fallen auch die Details der restlichen Weltgestaltung deutlich zurück – einzig die Beleuchtung kann da einigermaßen mithalten.

Der Eindruck mag sehr subjektiv sein, aber visuell fällt mir „Watch Dogs“ auch weit hinter einem meiner persönlichen Favoriten zurück: den vollständig ausgestalteten Fassaden und Schaufenstern eines „L.A. Noire“ auf der PS3. Positiv zu nennen sind lediglich das beeindruckende, aber unveränderlich wirkende Wasser des Chicago River, sowie die Wetterdarstellung im Spiel.  

Doch auch narrative Videospiele müssen keine interessanten Plots oder starke Charaktere aufweisen um inhaltlich überzeugen zu können. So wie das erste „Mafia“ vor zwölf Jahren erfreulich anders als „GTA III“ war, ist „Watch Dogs“ noch viel mehr: es ist weder nostalgisch noch satirisch, sondern ausnahmsweise einmal waschechte Exploitation – selbst dann, wenn dieses Ergebnis nicht unbedingt beabsichtigt war.

Die Menschen denen man auf den Straßen von „Watch Dogs“ begegnet sind weder laut noch ausgesprochen aggressiv, so wie praktisch alles an „GTA“, sondern vielmehr irritiert, verunsichert bis eingeschüchtert und klammern sich an jedes Stück ihres Selbst. Anders als in diversen Endzeitdramen wo letztlich alles immer auf „die Natur“ zurückbezogen wird, geht ihr kolportierter Überlebenswille eine ständige Symbiose mit dem Wohlstand ein – oder zumindest einer Absicht doch bald darin leben zu dürfen.

Wie alle Exploitation vermeidet es diesbezüglich Betroffenheit und begrenzt seinen vermeintlichen Realismus mit Humor, von durchaus derb bis brachialen Explosionen (Autos brennen gemäß der Nachrichtengewalt aus), oder – angemessen zu seinem Gegenstand Überwachung – Voyeurismus: dieser ist zwar weniger sexuell oder gar lüstern, als vielmehr sozial, dennoch vermag so eine Welt zu entstehen die in erster Linie von Ambiguität geprägt ist. Eine Welt die es schafft, anders als längerfristig bislang noch jedes GTA, einem ein schlechtes Gewissen zu machen. Aber auch eine Welt die eben zur Grenzüberschreitung ermutigt und so ambivalent wirkt.

Störend ist vor allem der allzu generisch wirkende Identitätstracker – von viel zu vielen Leuten ist der Freund kürzlich einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen, noch mehr hätten mit Kinderpornografie zu tun gehabt. Den hätte man sich vielleicht besser einfach sparen können.

Doch die kurzen Texte welche gegebenenfalls darüber hinaus extra verfasst wurden, oft nicht viel mehr als Aphorismen, sind teilweise wirklich phänomenal geschrieben. Äußerst kreative Minispiele und eine nahtlos integrierte Multiplayer-Welt verstärken diesen Eindruck noch. Die deutsche Fassung wirkt zunächst abstoßend, ist bei genauerem Hinhören aber sogar einer der besseren Facetten bis für Germanophile (weiteres) Highlight des Spiels – trotz oder gerade wegen des Umstands, dass manche Sprachfetzen erst gar nicht angetastet wurden.

Es gibt auch erfreulich viel zu sammeln in „Watch Dogs“ – ähnlich wie 2009 im ebenso grandiosen „The Saboteur“, dem letzten und mit Abstand besten Werk von Pandemic und Electronic Arts. Und das auch Exploitation war, nur traditioneller.

Denn „Watch Dogs“ ist diesbezüglich sogar noch ziemlich originell ausgefallen: wie jede gute Exploitation löst es die Dichotomie (oder gar Antinomie) zwischen „Kritik“ und „Kommerz“ auf, fordert diese heraus. Und am ehesten geschieht das hier sogar mit der Stadt selbst: Ubisoft stilisiert Chicago als zutiefst eingebildet-europäisch, das einzige womit es vielleicht etwas übertreibt, denn der reale Unterschied zu einer benachbarten Metropolregion wie der von Detroit dürfte etwa nicht sehr groß sein.

Eigentlich würden Plot und Charaktere für keinen künstlerisch guten Start einer Erfolgsfranchise sprechen, doch diese Weltdarstellung verspricht dennoch „Watch Dogs“ jetzt bereits eine auch in der Hinsicht durchaus interessante Zukunft – selbst wenn die gewohnt halb-dauerempörte Presse damit nicht unbedingt klar kommt oder gar keineswegs einverstanden sein wird. Und für diese Zukunft ist zunächst einmal ein DLC/Ableger in der Jersey-Gegend geplant: mal sehen wie sie Tony Soprano’s „Garden State“ so hinbekommen…

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2 Antworten zu Aufwühlende Erinnerungen: Ersteindruck „Watch Dogs“ (2014)

  1. buzzti86 schreibt:

    Damit bist du nicht weit weg Micheal Schulze von Glaßers Meinung: https://www.youtube.com/watch?v=c8QL_AJH2eo

    Ich habe es noch nicht gespielt – abe noch vor. Kann deswegen noch nicht viel dazu sagen.

    • pyri schreibt:

      Fasse das jetzt mal als Beleidigung auf und sage: ich glaub doch 🙂 Oder wo behaupte ich etwa, dass „Watch Dogs (…) sexistisch“ wäre usw.? Im Übrigen gehts mir weniger um die wenigen sexuellen Referenzen in dem Spiel, als so Figuren wie die kleine Schwester. Auch würde ich weit eher jenen die „Frauen“ ständig (und einseitig) verhüllen wollen, unterstellen, „frauenverachtend“ zu sein etc. Das sehe ich bei Schulze von Glaßer und anderen die keine Exploitation/Kolportage mögen/haben wollen nicht anders als mit Spike Lee und Tarantino’s „Django Unchained“.

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