Zur (gegenwärtigen) Pornografie in Deutschland

Kommentar: ‚Na ja, auf „Zahlen“ wird bei der Recherche auch nicht gestoßen werden können: ich fürchte aber, dass die Vorstellung (mit den Geschichten um Arcor oder Google) trügt. Denn historisch betrachtet hat es für Deutsche relativ früh auch eigene Internetpornografie-Angebote gegeben. Die saßen dann etwa auf südeuropäischen Inseln wie Zypern oder Malta (ganz ähnlich übrigens immer noch im Glücksspiel-Bereich) und daneben waren auch solche die schnell aus dem Boden gestampft sich eigentlich „nur“ für den deutschen Jugendschutz bezahlen ließen, also legal im Land wuchern konnten. Viele davon haben das Web 2.0 (und damit die Tubes) zwar nicht überlebt, aber dafür kam anderes nach.

Wobei die eigentümliche deutsche Pornobranche erfahrungsgemäß kaum Konkurrenz aus dem Ausland fürchten braucht, denn eines scheint dabei vergessen zu werden: die Deutschen mögen zwar (so wie alle anderen im freien Westen) leichten Zugang zu US-Pornografie haben, aber davon profitiert diese etwa noch lange nicht.
Und das hat zwei wesentlich kulturelle Gründe: erstens scheint, abgesehen vom angenommenen Porno-Chic, für Leute die tatsächlich bereit sind für Pornografie im Internet Geld auszugeben die Sprachbarriere eine enorme Rolle zu spielen, weshalb es ursprünglich schon zur beschriebenen historischen Entwicklung kam. Deshalb setzen ja auch so viele Service-Anbieter im Videospiel-Bereich auf ein deutschsprachiges Marketing, um deutsche Kundschaft anzulocken.
Meinem Eindruck nach entwickelte sich in der Frankophonie übrigens ein ganz ähnlicher, eigener Porno-Kosmos – das heißt auch ohne eine rigide Gesetzgebung die Inhalte im öffentlichen Raum eigentlich untersagt (so wie formal in Deutschland): darüber hinaus haben die Porno-Tubes, also die weitgehend kostenlosen Videoportale hinter denen oft ein einziges Firmenkonstrukt (sogar mit Verbindungen zurück nach Deutschland) steckt, per Werbeeinschaltungen praktisch alle Cam-Portale angeschlossen – die wiederum eher die Grenzen zwischen Pornografie und Prostitution so sehr verschwimmen lassen, wie das im Zeitalter von Telefonsex früher (noch) gar nicht vorstellbar war: sind das noch traditionelle Inhalte die klassisch medial zu beurteilen sind, oder als Dienstleistungen nicht vielmehr Sexarbeit?

Zweitens sind die Deutschen immer noch Kreditkartenmuffel, während im Zeitalter der Tube-Pornografie die Zahlungsmoral ohnehin extrem gesunken ist. Und Internetpornografie-Rechnungen werden international immer noch vorwiegend mit Kreditkarten beglichen.
Von den großen „Middle Men“-Firmen kenne ich etwa gerade mal eine einzige die mit PayPal zusammenarbeitet, und somit tendenziell auch für Deutsche ohne Kreditkarte in Frage kommen könnte – sofern das PayPal Deutschland nicht wiederum unterbindet, weil das aus jugendschutzrechtlicher Sicht ja eigentlich nicht in Ordnung sein kann. Während andere Alternativen, so wie sie für Deutsche üblich sind, dabei noch seltener anzutreffen sind – zumal größere wie ClickandBuy gegen PayPal keine Chance hatten.

Selbst Georg Koflers ehemalige Vollerotik ist dem linearen PPV (pay per view) mittlerweile entwachsen und orientiert sich fürs IP-Geschäft zumindest teilweise an Branchen-üblichen Abo-Modellen. Wobei Sky Deutschland sowieso ein ganz eigener Fall ist: einerseits mit Tom Tykwer, der ARD und Degeto „Pornografie“ in „Babylon Berlin“ kritisieren, andererseits selbst Pornos vermarkten.
Denn gewissermaßen hat „der Gesetzgeber“ für Deutschland auch hier entsprechende „Rahmenbedingungen“ schon geschaffen, wenn einerseits die horrenden Preise, andererseits die Jugendschutz-Schikanen in Kauf genommen werden. Da das Angebot aber deutschsprachig ist, Alternativen zu Kreditkarten existieren dürften und es eben in Deutschland beworben werden darf, könnte es bei all jenen die sich scheuen internationale Angebote zu nutzen trotzdem erfolgreich sein – das hat die Vergangenheit gezeigt. Zumindest eine Zeit lang.‘

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