Keine Steigerung für den „Freelancer“…

Kommentar zur Situation an der Uni Wien: ‚Tut mir ja sehr leid, aber ein Diskurs findet so im Gegenteil weiterhin überhaupt nicht statt: allein diese neuen Einlassungen zur politischen Situation von England und Deutschland am Beginn des Zweiten Weltkrieges sollten dabei zu denken geben. Darauf wird jedoch überhaupt nicht einmal auch nur kurz eingegangen.

Und DAS ist wirklich sehr bedenklich. Hier wird nämlich ein Positivismus vorgeführt, der kaum mehr zu erklären wäre: der Angegriffene kann sich stattdessen weiter halb amüsiert zurückziehen. Warum?
Mich erinnert das an ein altes Haider-Interview wo dieser seine Abneigung gegenüber Churchill und Stalin zum Ausdruck brachte. Gefragt wurde aber nicht danach weshalb Haider Churchill so schlimm fand, sondern „nur“ weshalb er Hitler nicht nannte: spätestens seit der letzten Bundespräsidentenwahl erzählt auch der hiesige Journalismus von der Kornblume als Erkennungszeichen illegaler Nazis in Österreich. In der ganzen Ideenwelt der Habilitationsschrift des Angegriffenen spielt diese jedoch nach wie vor eine ganz andere Rolle – wie überhaupt das gesamte Milieu: so ist es wohl leicht sich selbst erfahrungsgemäß wohl wohl behütet in der Tradition britischer Liberaler bei einem schönen Glas Rotwein zu sehen. Ideengeschichtlich waren in England nicht wenige vorgeblich sogar linkssozialistisch Gesinnte Anhänger der Eugenik und einer besonders rabiaten Form des Sozialdarwinismus – inklusive genozidaler, rassistischer Fantasien über die Ausrottung der Bevölkerung ganzer Kontinente. Und ausgehend vom 19. Jahrhundert ist es im Österreich des Angegriffenen wiederum nicht schwer das spätere „dritte Lager“, Deutschnationale, selbst in den Anfängen der Sozialdemokratie auszumachen. Dort, im „guten“ alten Österreich, standen sich zunächst schließlich auch andere gegenüber – etwa „rechts“ die katholischen Kaisertreuen und waren die „radikalen Linken“ dann die alldeutschen Antisemiten – der Sitzplatz-Logik im altösterreichischen Parlament (Wiener Reichsrat) zufolge: über dieses mechanistische Geschichtsbild sollte sich (dringend) unterhalten werden – nicht irgendwelche Göring-Zitate oder immer wieder dieselbe institutionelle Geschmacklosigkeit als Vergleich. Wie überhaupt die gesamte Semantik verhängnisvoller nicht sein kann, denn der rechtsextreme Revisionismus ist eher speziell und kann eigentlich erst dann stattfinden wenn zuvor andere Prozesse eingeleitet worden sind, erst eine Folge von Leugnung und Apologetik sein, denn „revisionistisch“ ist (hoffentlich!) etwa auch jede feministische Historiographie – nämlich bezüglich älterer, patriarchaler Geschichtsschreibung. Ähnliches gilt übrigens für den Post-Kolonialismus, eine Landwirtschaft ohne Nutztierhaltung usw.
Als ich in den späten Neunzigern mit meinen Studien begann staunte ich jedenfalls nicht schlecht, als ich in Graz zu meiner ersten akademischen Erschütterung feststellen durfte, dass die Bibliothek voll mit Irving-Bänden war: dabei war Irving alles andere als ein Akademiker und soweit ich weiß sogar regelrecht stolz darauf, keine Universität je von innen gesehen zu haben. Das Berufsbild des Historikers entspricht eben nicht jenem eines Arztes: dennoch wurde Irving in den Siebzigern vielfach zu einem leuchtenden Stern am Himmel auch akademischer Historiker, weil er ihnen scheinbar mühselige Quellenforschung ab- bzw. vorwegnahm – jedenfalls dann wenn sie ein entsprechendes Verständnis von Geschichte mitbrachten (!). Obwohl eben eine gewisse Faszination für Hitler & Co. schon damals bei diesem Autor nicht unbedingt auszuschließen gewesen ist – das sollte besprochen werden, wenn der Angegriffene zwei Jahrzehnte später (also in den Neunzigern als ich zu studieren begann) einen Beitrag für eine Festschrift verfasst hat, also gewissermaßen an einem akademisch-literarischen Geschenk für diesen nicht-akademischen Autor, einen „Freelancer“ wie der Angegriffene ihn hier in äußerst bemerkenswerter Weise nennt, beteiligt war.
Und erst diese vielbeschworenen „Gefahren“: oder „verharmlost“ es die aktuelle politische Situation wirklich nicht, wenn es jetzt überall in den Medien heißt, dass die letzte Vorlesung des Angegriffenen Anfang dieser Woche ruhig und ohne Störaktion verlaufen konnte. Klar, war doch der Sellner mit seinen gleichgesinnten Andersdenkenden dort und konnte im Umfeld der Lehrveranstaltung ungestört seine YouTube-Show abziehen. Wenn das die neue moralische Mehrheit sein soll, dann – im Sinne Hans Peter Heinzls – wirklich: gute Nacht Österreich.‘

Buchtipp: „Telling Lies About Hitler: The Holocaust, History and the Irving Libel Trial“ – Richard J. Evans über den Deborah Lipstadt-Prozess (leider vergriffen).

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