Exklusive Stellungnahme zu „Criminal Girls 2“: „die winzigste Niedlichkeit.“

Neuerlicher Rückzug aus dem VDVC-Forum, wegen Steam-Gruppe. Einmal ein Lob an die Videospielpresse.

Die reagierte durch die Bank wesentlich vernünftiger, sofern über die negative Entscheidung zu „Criminal Girls 2“ mangels Details vorerst überhaupt informiert wurde: nur dort – beim VDVC und auf Steam – wird tendenziell das schlimmste Unheil angenommen, wo auch der Besitz verboten ist. Und so eine eigene Moralvorstellung, wo eigentlich die dem ganzen Schlamassel zugrunde liegende Moralpanik diskutiert werden sollte, habe ich noch nicht erlebt. Es fehlt zwar jegliches Hintergrundwissen, wird sich sogar geweigert dieses anzueignen, aber es wird – völlig irrational – schonmal alles mögliche Übel zugeschrieben.
Ja, es liegt nahe dass dem Spiel ein pornografischer Charakter unterstellt wurde – aber nicht mehr. Sämtliche „Pornographie“ gilt in Deutschland als schwer jugendgefährdend und ist strafrechtlich relevant, wenn sie verbreitet werden soll – alle „Schriften“ die erstmal so eingestuft wurden, das heißt aber nicht dass es sich um harte „Pornographie“ wie „Gewaltpornographie“ (was bei dem Spiel imo näher liegt) oder – was dort gedacht wird – noch schlimmere Inhalte handelt.
Die USK kann trotzdem kein Kennzeichen ausstellen. Dennoch ist nur die Verbreitung verboten.
Dann heißt es, ja aber die können auch bekleidete Minderjährige meinen: das ist ein ziemlich grausames Spiel in Chibi-Ästhetik, warum soll es also nicht die Gewalt sein, Nacktheit ist auf der Plattform und mit der Herkunft nicht möglich – minderjährige Charaktere in sexuellen Kontexten, meist sehr unterschwellig, finden sich in jedem zweiten japanischen Rollenspiel. Entsexualisiert wurde das Spiel ohnehin schon usw. usf. Das was sich da ausgemalt wird habe ich in zwanzig Jahren Rezeption kommerzieller Medien aus diesem Bereich noch kein einziges Mal erlebt.
Mir scheint es mangelt hier an einem Verständnis für elementarste Grundbegriffe – wie „explizit“ und „suggestiv“: „Buffy“, die Vampirjägerin, war auch in jungen Jahren schon mitunter sexuell letzteres – dennoch wird einem Joss Whedon erst im Herzen des Bible Belt die Ausbeutung Jugendlicher vorgeworfen werden. Auf Steam ist es in den letzten Tagen sogar noch schlimmer geworden – wird noch dazu „fiktiv“ mit „fiktional“ oder sogar virtuell verwechselt. Dafür wird mit wieder anderen Begriffen hantiert, deren rechtlicher Hintergrund in an Pädophile gerichtete FKK-Magazinen liegt… Und das hat sich nun wirklich keinE RezipientIn eines kleinen Spiels wie „Criminal Girls“ verdient. Was für ein (vergleichsweise) unschuldiges Spiel und wie verharmlosend wird diesbezüglich sexuelle Ausbeutung eigentlich wahrgenommen?


Als vor zwei Jahren in „South Park“ Grundschüler mit Analsonden traktiert wurden, was zweifellos auch schon grenzwertig war, habe ich niemand über „Chilling Effects“ schreiben sehen, die meiner Erfahrung nach ohnehin nur auf Verletzungen des UrheberInnenrechts hindeuten. Damals wurde von allen Seiten ruhig gegoogelt, besonnen recherchiert – blieb alles cool. Hier wurde aber sofort mit den übelsten Klischees und Stereotypen in Richtung Manga/Anime(-Publikum/MacherInnen) operiert. Und ich unterstelle auch, dass die Reaktion einen sexistisch/rassistischen Hintergrund hat, der aus meiner Sicht überhaupt nicht von der Hand zu weisen ist, da es hier nicht um kleine amerikanische Jungen geht die aus dem Fernsehen bekannt sind, mit denen man unter Umständen sozialisiert wurde oder ohnehin schon groß geworden ist, sondern fremde Mädchen aus Japan deren Ästhetik einfach für verdächtig gehalten wird.
So verdächtig, dass sich darüber nicht einmal zu googeln getraut wird. Toll – das nenne ich Gegen-Aufklärung.
Und deshalb diese krassen Vorverurteilungen, nebulösen Vermutungen und völlig aus der Luft gegriffenen Anschuldigungen. Sogar auf den Fall eines inkriminierten Politikers wurde schon verwiesen: so macht für mich kein weiteres Engagement in der Sache auch nur irgendeinen Sinn mehr – sobald es um sexuelle Inhalte geht wird hier scheinbar in einen Modus geschalten, den ich mir nicht einmal vorstellen mag, ohne dass sich in der Materie überhaupt auch nur ansatzweise ausgekannt zu werden scheint.

Bei „South Park“ wird die Zensurmaßnahme noch kritisiert, der ursprüngliche „Humor“ unter Umständen sogar geteilt – dieses Publikum, diese Gesellschaft, bekommt bei Chibi-Mädchen aber die Panik. Plötzlich werden die Selbstzensurmaßnahmen von Ubisoft, Nintendo und Co. verständlich: diese Gesellschaft erscheint so, mit einem Verhalten das in jene Richtung weist, für Medienfreiheit einfach nicht bereit zu sein, nicht einmal empfänglich – sondern in ihrer eigenen, selbstverschuldeten Unmündigkeit verhaftet.

Alle von mir immer verurteilte Anpassung als Vorsichtsmaßnahme, um sich dem drohenden Unheil dieser Interpretationen zu erwehren, auf einmal nachvollziehbar.

Da tritt eine Verklemmung mit geistigen Schranken zu Tage, die jede Hoffnung schwinden lässt und Übelstes schwanen zu lassen beginnt – was die Zukunft einer so auch nur mehr zu träumenden Medienfreiheit angeht. Ein regelrechtes Fantasiegefängnis, wogegen Prüderie freizügig erscheint.
Wer sagt etwa überhaupt, dass Videospiele ansonsten – sofern sie nicht strafrechtlich relevant sind – nicht auch schwer jugendgefährdend wären, was überhaupt zwischen „einfacher“ und „schwerer“ Jugendgefährdung liegen würde: warum wird um die Zuschreibung „schwer jugendgefährdend“ plötzlich so ein Aufhebens gemacht? Das ist doch nicht einmal etwas Neues.

Ok, ich verstehe es in dem Fall auch nicht. Ich kann mir auch keine Gründe tatsächlich vorstellen – dennoch veranlasst mich dies nicht zu solchen Mutmaßungen.

Es bleibt mir deshalb nur zu hoffen, dass bei den EntscheidungsträgerInnen nicht eine Generation einzieht, die eine ähnliche Einstellung und ein ähnliches Denken an den Tag legt, Abgründe wie sie dort im Forum und auf Steam in den letzten Tagen herangezogen offenbar immer größer wuchsen, denn dann schreitet die Kriminalisierung von Videospielen wirklich voran – ganz ohne „Killerspielverbot“, oder Gewaltverbrechen die von mediengeilen Psychiatern, und unbedarften Bischöfinnen, darauf bezogen werden. Dann reicht schon die winzigste Niedlichkeit.

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