5. Staffel „The Walking Dead“: FSF beschert Saisonauftakt Schnittauflage

Via SB.com: Überraschung – mittlerweile ist sie sendetechnisch zwar noch immer ein paar Minuten entfernt, aber seit heute Nachmittag steht bereits fest, dass die erste Folge der fünften Staffel von „The Walking Dead“ nicht unzensiert auf Fox (HD) und Sky Go/Anytime platziert werden wird.
Die Entscheidung verwunderte mich doch schon ein wenig, zumal die Serie in letzter Zeit ausgesprochen wenig Probleme mit der „Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen“ bekam, meistens durchgewunken, jedenfalls kaum beanstandet wurde: ein Umstand über den ich mich zuletzt im März breit ausgelassen hatte, anhand einer Folge bei der meiner Meinung nach die oberflächliche Wahrnehmung der Selbstkontrolle besonders explizit zum Vorschein kam (vergleiche meinen damaligen Text „Puzzle legen nach dem Kindermord“).

Jetzt am Abend kam aber noch der obligatorische Beipackzettel am FSF-Blog hinzu, ein bekanntes Erklärbär-Traktat das aus aktuellem Anlass einmal nicht beschwichtigend, sondern ausgesprochen entrüstet, das heißt wohl „angemessen“ empört daher kommen sollte: mit einem pornografischen Blick wie aus dem Lehrbuch werden darin Szenen beschrieben, so wie sie mit anderen Begrifflichkeiten und Interpretationen für gewöhnlich relativiert erscheinen – Kostprobe gefällig? „Gefesselte Menschen werden reihenweise mit einem Baseballschläger auf den Hinterkopf geschlagen, die Kehle wird aufgeschlitzt, dann lässt man sie in einem Trog ausbluten – nach Meinung des Ausschusses eine sehr realistische Form von Gewalt (als explizite Nahaufnahme), zynisch und mitleidlos („Macht weiter mit der Schweinearbeit“) inszeniert.
Einmal mehr zeigt sich, dass es den interpretierenden ZensorInnen dabei keineswegs um qualitativen Inhalt, sondern Quantität und unliebsame Inszenierungen geht: die Bedeutung von Szenen wird so mehr denn je zu einer Nebensache, wenn überhaupt, degradiert – bei diesen Vorstellungen die positiv für gewöhnlich mit Begriffen wie „Kompetenz“, „Beherrschung“ usw. beschrieben werden. Hätte ich eine böse Zunge und wäre ich kein so lieber Mensch, könnte ich dem auch entgegnen: nur wenn sich die „Überlebenden“ für überlegen halten und ihre (Un-)Taten für sich „begründen“ (können oder wollen), dann gibt es keine Schnittauflagen, werden Inhalte nach allen Regeln der pädagogischen Kunst verharmlost. Doch ungeschminkt, „realistisch“ und ohne Doppelmoral nicht, Sendungen nach denselben Regeln beschimpft bis schließlich untersagt. Und was genau das über ein Demokratieverständnis dieser Leute sagt, überlasse ich noch der Fantasie.
Die Schnittauflage selbst, dessen Setting das obige Zitat umschreiben sollte, betraf schließlich eine Gewaltspitze in der vierten Minute: „(…) weil hier Gewalt derart breit und in grausamen Details ausgespielt werde, dass sie weit über das dramaturgisch Notwendige hinausgehe“ – man beachte bitte(r) wiedermal den stringenten Konnex zwischen Kunst und „Notwendigkeit“.

Insgesamt ist dort unter anderem davon zu lesen, dass offenbar die ganze Episode als an „der Grenze zur Sendeunzulässigkeit“ eingestuft wird. Der Beitrag lässt dabei wahrlich tief in die Vorstellungswelten der ZensorInnen blicken und gibt allein für sich betrachtet einige Rätsel auf, in Hinblick auf dieses deutsche Rechtsverständnis und dessen Geschichte.
So seien frühere, demnach sinngemäß gewissermaßen liberalere Einstufungen, auf eine Unterscheidung zwischen sozusagen „Gewalt gegen Menschen“ und „Gewalt gegen Zombies“ zurückzuführen gewesen, welche die Strafrechtsnorm mit ihrer bekannten Rede über „menschenähnliche Wesen“ doch nicht einmal vorsieht (!). Einmal mehr stellt sich mir deshalb die Frage, welche „Menschenwürde“ die FSF nun berücksichtigt, und was für eine (zumindest eher) nicht. Pikanter Weise wird diese Einschätzung jedoch gerade mit jener Norm begründet (natürlich ohne dieses Detail zu nennen), denn bemerkenswert finde ich an dem Schreiben vor allem, dass gleich die Strafrechtskeule in Richtung deutschem Gewaltdarstellungsverbot geschwungen wird und sich nicht einmal mehr die Mühe gemacht zu werden scheint, mit Jugendschutz“argumenten“ gegen eine Ausstrahlung für Erwachsene (!) punkten zu wollen. Und das obwohl die Einschätzung „schwer jugendgefährdend“, welche die FSF nun (vorerst, laut Facebook soll gegen die Entscheidung geklagt werden) für offenbar die gesamte Folge schon angedacht hat, wiederum das Jugendschutzrecht bemüht.
Wobei diese „Freiwillige Selbstkontrolle“ natürlich auch nicht die Behörde der Bundesprüfstelle ist, das heißt darüber (also den Jugendschutz auf diesem Niveau) eigentlich nicht bestimmen kann. Und ob die Situation im Übrigen auf eine Neuzusammensetzung in diesem Willkür-Gremium hindeutet und damit vor allem weitere Schnittauflagen vorbereitet werden sollen, gewissermaßen eine neue Geschmacksrichtung vorgegeben wird, oder die Situation eine doch eher einmalige Sache ist, bleibt sowieso erstmal abzuwarten – ähnlich wie Anfang Juni bei „Game of Thrones“, was die FSK dem Vernehmen nach mittlerweile wieder anders sehen soll – plemplem?

Bim bim: anscheinend international sichtbar sein sollende (wegen der Untertitel) Marketing-Aktion von Sky in Wien (Neubau)

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